Beruhigungstropfen im Gerichtssaal

Lüdenscheid - Es ist mal wieder ein Puzzle aus vielen kleinen Teilen. 13 Zeugen äußern sich am zweiten Prozesstag zu den Vorgängen in der offenen psychiatrischen Pflege- und Betreuungseinrichtung an der Brüninghauser Straße – und über die Person des Beschuldigten. Der sitzt zumeist schweigend neben Strafverteidiger Martin Düerkop und lässt das Verfahren äußerlich scheinbar ungerührt über sich ergehen.

Ob er ahnt, um was es für ihn geht, dass sein Leben als freier Mann mit Spaziergängen und Ausflügen bald vorbei sein und er sich in einer „Geschlossenen“ wiederfinden könnte, das bleibt rätselhaft. Nur einmal, gegen Mittag, macht er hektische Zeichen in Richtung Zuschauerraum, in dem eine Pflegerin sitzt. Sie verabreicht ihm im Gerichtssaal Bedarfsmedikation, 100 Tropfen Beruhigungsmittel. Danach kann es weitergehen.

Es wird klar, dass der 33-Jährige leicht zu provozieren ist. Sein behandelnder Arzt attestiert ihm eine „leichte Intelligenzminderung, Verhaltensstörungen und Impulskontrollstörungen“. Es sei in den zurückliegenden zwei Jahren schlimmer geworden, sagt der Mediziner. „Er kommt mit Reizen von außen nicht zurecht, weil ihm dazu die Ressourcen fehlen.“ Aber auch: „Ich habe ihn nie aggressiv erlebt.“

Die Vorsitzende Richterin, Heike Hartmann-Garschagen, scheint sich immer noch darüber zu wundern, wie es zu den Strafanzeigen gekommen ist. „Es gibt sicher immer wieder schwierige Situationen. Aber ich gehe davon aus, dass es sich um kranke Menschen handelt“, mit denen man sprechen, sie beruhigen und mit Medikamenten versorgen könne.

Rechtsanwalt Düerkop fragt die Zeugin, der der Beschuldigte an den Hals gegangen ist, nach Möglichkeiten der „Deeskalation und Aufarbeitung“ derartiger Vorkommnisse. Die Heilerziehungspflegerin antwortet: „Es hat einen Monat später ein Gespräch mit seiner gesetzlichen Betreuerin gegeben.“ Der Angreifer habe sie zudem um Entschuldigung gebeten.

Trotzdem stehen die Dinge nicht nur gut für den Beschuldigten. Denn am Abend des ersten Prozesstages, heißt es, habe er sich in der vergangenen Woche erneut an einer Frau in seiner Wohngruppe vergriffen.

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