Berufsleben in „Fiscalia“: Hans Gerhard Selle im Ruhestand

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Finanzamtschef und Leitender Regierungsdirektor Dr. Hans Gerhard Selle wird in den Ruhestand verabschiedet.

LÜDENSCHEID - Sie können für magere Zeiten viel speichern – und sie schmücken zuhauf das Büro des Finanzamtsvorstehers Dr. Hans Gerhard Selle: Kakteen, Geldbäumchen und andere dickblättrige Sukkulenten, die sich nur selten den Luxus von Blüten leisten. Dabei sind die Zeiten gar nicht schlecht in Lüdenscheid.

Fast eine Milliarde Euro Steuereinnahmen im Jahr für ein mittelgroßes Finanzamt mit rund 200 Mitarbeitern, das kann sich auch innerhalb zuständigen Oberfinanzdirektion Münster sehen lassen. Wenn Dr. Selle am 1. Juli in den Ruhestand verabschiedet wird, übergibt er seiner Nachfolgerin Sabine Loock ein gut bestelltes Haus.

„Wenn die neue Chefin kommt, ist auf der Etage kein Mann mehr“, schmunzelt der Scheidende angesichts der für Verwaltungen nicht untypischen Entwicklung. Zweimal führte den 1949 in Plettenberg Geborenen sein Weg beruflich in die Bergstadt. Nach Jurastudium in Marburg und Münster und Promotion trat er 1976 in die Finanzverwaltung ein und war zwischen 1978 und ‘81 Sachgebietsleiter im Finanzamt Lüdenscheid. Der Wechsel nach Hagen führte ihn erst in den Bereich Großbetriebsprüfung, dann, als ständigen Vertreter des Vorstehers, zu Steuerstrafsachen und Steuerfahndung. 1996 wechselte Dr. Selle nach Siegen, wo er bis 2008 Vorsteher war. Das Rotationsprinzip, das die Verwaltung pflegt, brachte ihn zurück nach Lüdenscheid. Damals, sagt er, stand die Fusion mit dem Finanzamt Altena an, was die Behörde auf Siegener Größe gebracht hätte. Doch es kam anders.

Die Entscheidung gegen eine Karriere in der Justiz hat er nie bereut; dass der Beruf polarisiert, hält er aus. Es werde, merkt Dr. Selle, „in Gesprächen berücksichtigt“. Das heißt, eine Unterhaltung verstummt schon mal oder ändert die Richtung, wenn er kommt. Immer wieder muss er sich dem politischen Bierdeckel-Vorschlag stellen, der einst den Umfang einer Steuererklärung drastisch reduzieren sollte. „Die haben einen Bierdeckel mit einer CD verwechselt“, sagt er dann und zeigt, dass Humor auch beim trockensten Thema hilft. Die staatliche Struktur samt EU sei eben kompliziert, da könne das Steuerrecht nicht einfach sein, findet der Fachmann. Seine eigene Steuererklärung macht er mit Hilfe eines einschlägigen Programmes. Die Erkenntnis, dass für viele ohne Steuerberater nichts mehr läuft, hat aber auch bei ihm zu einer besonderen Wertschätzung dieses Berufsstandes geführt. Ein Profi schätzt Profis. Doch: „Jeder der kommt und Sorgen hat, das beschäftigt mich schon intensiv“, sagt der Vater von zwei Kindern nachdenklich. Aber jedem könne man es nicht recht machen.

Die Frage nach den wichtigsten Zahlen in seinem Leben lässt ihn, der sonst auf alles eine Antwort weiß und sie im Zweifel googelt, ratlos zurück. Glückszahlen hat er nicht. 65 Jahre und drei Monate, das ist gerade eine zwingende Zahl. Etwas länger hätte er gerne gearbeitet, auch, weil seine Frau, eine Lehrerin, erst in zwei Jahren in Ruhestand geht. Pläne gibt’s noch nicht. Wandern wäre schön, große Reisen eher nicht. Die Pflege der fast 90-jährige Mutter setzt Grenzen. „Man wird wahrscheinlich erst im Ruhestand feststellen, was einem der Beruf Positives gegeben hat“, sinniert er.

Dazu gehören die Erinnerungen, die er mit Kunst und Kleinigkeiten im Büro verknüpft. Da hängt die „Steuerland“-Karte mit der Hauptstadt „Fiscalia“, umgeben vom „Eiland der Billigkeit“ und „Sumpf der verdeckten Gewinnausschüttung“, vom „Ozean der Steuerbescheide“ und „Schutzgebiet der Beschränkt Steuerpflichtigen“. Das schwarze Schwarzgeld-Sparschwein im Regal ist leer, „bis auf ein Zehn-Cent-Stück vom Personalrat“, lacht der Chef. Ein Eisenstück, signierte Kunst, hält nur „die Tischdecke fest“. Das Bild überm Besprechungstisch dient als ein Eisbrecher, weil es das Steuerparadies als Flussfahrt mächtiger und schmächtiger Tiere mit der Deutschland-Arche interpretiert.

Doch die schönsten Erinnerungen sind im Kopf. Wie die an den „Google“-Hupf, den ihm Mitarbeiter zum Abschied gebacken haben – weil er alles und jedes googelt. Oder die an seinen Einstieg als Chef, als er morgens um halb sieben jeden Mitarbeiter mit einer Rose begrüßt hat, um seine Leute kennenzulernen. Zum 60. bekam er von ihnen – frische – Rosen zurück. Er scheint es doch vielen recht gemacht zu haben.

- sum

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