Wiederbelebung durch die Kunst

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LÜDENSCHEID - Alles in der großen, leblosen Halle der ehemaligen Holzhandlung Damrosch an der Bahnhofsallee wirkt irgendwie schmutzig, verloren, abbruchreif.

Ein Stück blaue Plane, ein vergessener Schrank, ein rotweißer Kegel, umgestürzt und eigentlich auch nicht mehr in warnendem Rotweiß, sondern vielmehr ausgebleicht. Alles in der großen, leblosen Halle der ehemaligen Holzhandlung Damrosch an der Bahnhofsallee wirkt irgendwie schmutzig, verloren, abbruchreif.

Und doch kehrt in diese ehemalige Fabrikhalle das Leben zurück. Vom 27. September bis zum 6. Oktober sind die Damrosch-Hallen Bestandteil der Lichtrouten 2013. „Wir finden das toll, wenn wir sowas benutzen dürfen. Orte, die im Wandel sind, kennt man zwar, aber hier kann man den Verfall mit anderen Augen sehen. Das ist Wiederbelebung durch die Kunst“, ist Lichtrouten-Kurator Tom Groll dankbar, Orte wie diese in den Reigen der Projektionen mit einschließen zu dürfen. Zu Gast ist an diesem Nachmittag der Berliner Künstler Max Sudhues.

Er ist zum zweiten Mal in der Bergstadt. Vor gut acht Wochen ging er die geplante „Licht-Route“ ab, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, was ihn als teilnehmenden Künstler erwartet. Bei Damrosch angekommen war die Sorge, das Versprechen einer ortsspezifischen Arbeiten einlösen zu müssen, weggewischt. „Das ist Abenteuer“, sagt der Künstler, „man weiß ja nicht, ob das hier Ende September alles noch so aussieht wie jetzt.“ Wie schnell sich das künstlerische Bild verändern kann, hat das Lichtrouten-Team schon gelernt: Sprayer haben in der Damrosch-Halle eine Wand, die eigentlich als Projektionsfläche dienen sollte, für sich selbst entdeckt.

Mehr als hundert Lichtbilder fertigt der 36-jährige Berliner an diesem Nachmittag an. Hinzu kommen diverse Filme. Das Material nimmt er mit nach Berlin und stellt dort seine Projektion zusammen, schneidet die Filme, arbeitet viel mit Schleifen. Vier Tage vor dem Beginn der Lichtrouten kommt er zurück nach Lüdenscheid und richtet seine künstlerische Darbietung ein, projiziert das, was wir als Dreck empfingen, an andere Orte, schafft eine Collage mit Mitteln des Raumes in den Raum, errichtet einen Parcours der Projektionen. „Das Spannende dabei ist die Herausforderung“, erklärt er im Gespräch und hebt wie beiläufig ein mit runden Löchern ausgestanztes Brett auf, legt eine Scherbe darüber und hält beides ins fahle Sonnenlicht – was für uns die Hinterlassenschaft einer Firma ist, bedeutet für ihn die Überschneidung von Wirklichkeit und Kunst: „Das ist hier ganz großes Kino für mich.“ Neben- und Übereinander, verschoben, verzerrt entsteht eine Art visuelles Kaleidoskop.

1977 in Münster geboren, studierte Sudhues von 1999 bis 2005 an der Kunstakademie Münster, war Meisterschüler von Timm Ulrichs. Ein mit Preisen bedachter junger Mann: 2002 Europastipendium der Kunstakademie Münster für Reykjavík, 2005 der Tim-und-Struppi-Preis und Preisträger des 17. Bundeswettbewerbes „Kunststudenten stellen aus“, 2006 und 2008 Nachwuchsförderung der Kunststiftung NRW, 2008 Förderpreis Bildende Kunst der GWK in Münster, 2010 die Würdigung durch da Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop. „Playground Love“ (Sandkastenliebe) nennt er seine Beteiligung an den Lichtrouten, „aber nicht kindisch, sondern mit einem kindlichen Ansatz betrachtet“.

Er sei für den Vorschuss an Vertrauen durch die Lüdenscheider Kuratoren dankbar, sagt er bescheiden, während hinter ihm der Sommerwind geräuschvoll durch eine vergessene Plane weht. „Wir gehen jetzt und schließen ab, brauchst du noch was?“, fragt ihn Kurator Tom Groll zum Schluss. Max Sudhues überlegt kurz: „Eine Pizza wäre nicht schlecht, aber nur ‘ne kleine Margherita.“ - Von Jutta Rudewig

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