Erneut Zank um einen kleinen Weg

+
Dieser kleine Weg soll den Namen Ruth-Tannenzapf-Weg erhalten.

Lüdenscheid - Die Straße ohne Namen, die parallel zur Knapper Straße die Herder- und die Lessingstraße verbindet, soll nach der Lüdenscheiderin Ruth Tannenzapf benannt werden. Das beschloss am Montag der Hauptausschuss bei vier Gegenstimmen und einer Enthaltung aus der CDU. Ähnlich war das Stimmungsbild bereits in der Sitzung des Bau- und Verkehrsausschusses in der vergangenen Woche gewesen.

Die politische Debatte brachte Norbert Adam (CDU) in Gang, aber mit anderen Argumenten als in der Vorwoche noch sein Parteifreund Hansjürgen Wakup. Adam erinnerte an „den guten Brauch“, einen solchen Vorschlag zuvor interfaktionell abzustimmen, an den Initiator der Namensgebung (Martin Sander, Anm. d. Redaktion) und nicht zuletzt an die Tatsache, dass in der jüngeren Vergangenheit die Neubenennung von Straßen fast ausschließlich mit den Namen von NS-Opfern erfolgt sei. Schließlich gebe es aber in Lüdenscheid ein Vielzahl von Bürgern, die sich um die Stadt verdient gemacht hätten und ebenso einen Anspruch darauf hätten, eine Straße nach ihnen zu benennen.

Dazu, so begründete Jens Holzrichter die Zustimmung der FDP-Fraktion, habe Ruth Tannezapf „aufgrund ihrer Biographie keine Gelegenheit“ gehabt – das jüdische Mädchen war im Alter von zehn Jahren aus dem Klassenzimmer der Knapper Schule heraus verhaftet und nach Polen deportiert worden, wo es vermutlich im Warschauer Ghetto starb. Und: „Einem guten Vorschlag ist es egal, wer ihn macht“, konterte er die Vorbehalte gegen Sander als Mitglied der Friedensgruppe. Insgesamt passe der Vorschlag zur Schule und zum Umfeld und das besser als der ursprüngliche Alternativvorschlag – der Benennung nach Hermann Lausberg, der bekanntlich Halveraner sei.

Den Schlusspunkt der Diskussion setzte dann Peter Oettinghaus (AfL). Wie man überhaupt in dieser Weise diskutieren könne vor dem Hintergrund, dass ein zehnjähriges Kind deportiert worden sei. Es sei ein „kleinlicher Streit“, der hier ausgetragen werde sagte Oettinghaus und erhielt dafür breiten Beifall und Unterstützung vom Bürgermeister: „Das hat mir aus der Seele gesprochen.“

Kommentar

Kleinlich, peinlich

Von Florian Hesse

„Kleinlich“ nennt AfL-Ratsherr Peter Oettinghaus die Debatte um den Ruth-Tannenzapf-Weg. Man kann durchaus auch „peinlich“ sagen. Es wird ein kleiner Weg benannt, direkt neben der Knapper Schule, in der 1938 das Mädchen Ruth Tannenzapf verhaftet wurde. Sie starb offenbar kurze Zeit später im Warschauer Ghetto. Und die CDU ist gegen die Erinnerung durch die Straßenbenennung, weil ihr Martin Sander als Initiator des Vorschlags nicht passt, weil der Mitglied in der Friedensgruppe ist. Weil sich manch anderer mehr um die Stadt verdient gemacht hätte als Ruth Tannenzapf. Weil das Sträßchen ohne Namen nur „Hintereingang zum Urologen“ sei (O-Ton Hans Jürgen Wakup/CDU im Bauausschuss). Diese Diskussion hat keiner gebraucht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare