Belastungszeugin bricht zusammen

Lüdenscheid - Ein mutmaßlicher Gewaltverbrecher, in Lüdenscheid Vassili genannt, muss sich seit Anfang des Monats vor dem Landgericht verantworten - wegen erpresserischen Menschenraubes und einer Reihe anderer Verbrechen. Der dritte Verhandlungstag am Donnerstag war anstrengend für alle Beteiligten.

Für den Angeklagten, weil er stumm der Aussage der Hauptbelastungszeugin lauschen muss. Für die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen, weil sie viel Zeit und Geduld für die Zeugin aufbringen muss. Für die Zeugin selbst, die augenscheinlich unter extremem Stress steht und mehr schluchzt als spricht. Für die Zuschauer, weil sie kaum etwas davon verstehen. Und für Strafverteidiger Andreas Trode, weil er einerseits einfühlsam mit der jungen Frau umgehen will und ihr andererseits im Interesse seines Mandanten unbequeme Fragen stellen muss.

Der Fall

Ein 29-jähriger Lüdenscheider ist wegen erpresserischen Menschenraubes und einer Reihe anderer Verbrechen angeklagt. Er soll seine Opfer systematisch bedroht, verletzt und um ihr Eigentum gebracht haben. Nach seiner Flucht nach Griechenland wurde er in Thessaloniki gefasst und den deutschen Behörden ausgeliefert. Der Prozess soll bis Mitte Januar dauern und wird am Freitag, 28. November, um 9.30 Uhr fortgesetzt.

Im Fokus der Befragungen steht die Rolle, die die 29-jährige Pharmazeutisch-Technische Assistentin bei dem Geschehen rund um Drogen, Gewalt, Bedrohung und Erpressung gespielt hat. Und um die Frage, ob sie wirklich nur argloses Opfer eines skrupellosen Dealers war oder zwischen die Fronten geraten ist, als sie mitverdienen wollte. Zum Teil deckt sich ihre Aussage mit der des Angeklagten, der am ersten Prozesstag ein weitgehendes Geständnis abgelegt hat.

Danach hat er die Frau massiv unter Druck gesetzt, um Geld von ihr zu bekommen. Ihr Versuch, unter seinem Zwang einen Kredit aufzunehmen, scheiterte aber ebenso wie die Lieferung von hochwertigen Handys, für die sie Verträge abschließen musste. Unzweifelhaft ist auch, dass sie panische Angst vor dem Angeklagten hatte und um ihr Leben fürchtete.

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„Er sagte, wenn ich das Geld nicht beschaffe, bekomme ich es noch mit ganz anderen Leuten zu tun.“ Auch das passt zu seiner Aussage, in der er schilderte, dass er dringend auf Geld angewiesen war, um seine Drogenlieferanten bezahlen zu können.

Wie aber ist die kleine, blasse Frau in diese Lage geraten? Er sagt, sie habe Kokain von ihm gekauft, um es weiter zu veräußern. „Da hat sie Schulden auflaufen lassen und nicht bezahlt.“ Sie sagt, sie habe eine Dose Kokain über Nacht für ihn aufbewahren müssen. Doch als ihr die Polizei wegen eines Verkehrsunfalls einen Besuch abstattete, habe sie das Zeug in Panik ins Klo geschüttet. „Da ist er total ausgerastet.“ Sie habe noch nie etwas mit Rauschgift zu tun gehabt, beteuert sie.

Immer wieder versagt ihr die Stimme. Mehrfach muss Richterin Hartmann-Garschagen die Vernehmung unterbrechen. Andreas Trode fragt nach Geld, das die Zeugin zu Hause gehortet hatte, bis zu 2000 Euro. „Aber gleichzeitig hatten Sie Mietschulden.“ Da schaut sie ihn wütend an. Der Verteidiger sagt zur Richterin: „Wenn Blicke töten könnten.“ Opfer-Anwalt Dominik Petereit will seine Mandantin schützen. „Ich glaube nicht, dass sie noch kann.“ - von Olaf Moos

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