Belastungszeuge verheddert sich in Widersprüchen

LÜDENSCHEID ▪ Der erste Satz des Jugendrichters lautet: „Heute ist nichts Aufregendes.“ Wie falsch er damit liegt, muss er sofort danach erfahren. Zwei der fünf Angeklagten glänzen durch Abwesenheit, vier von acht Zeugen sind nicht gekommen. Strafverteidiger Jörg Luckas ruft eilig seinen Mandanten an und teilt dem Gericht mit: „Er kommt jetzt, ich habe ihn geweckt.“

Sind also schon mal vier der Burschen am Platz. Der fünfte kommt wirklich nicht. Rechtsanwalt Edgar Bandowski lässt „Brechdurchfall“ melden. „Ein Attest wird nachgereicht.“ Der Richter spreizt die Arme vom Körper. „Nehmen wir das einfach mal so hin.“

Aber auch so ist der Gerichtssaal voll. Das dreiköpfige Jugendschöffengericht nebst Protokollantin, die Staatsanwältin, zwei Damen der Jugendgerichtshilfe und die vier Angeklagten mit ihren vier Verteidigern. „Was hätten wir bloß gemacht, wenn alle gekommen wären?“, entfährt es dem Vorsitzenden.

Es geht um ein paar Ohrfeigen, um eine Kopfnuss mit Wodkaflasche (leer) und um einen Klaps mit einem Zimmermannshammer. Angeblich hat irgendjemand irgendjemandem was geklaut. „Das wollten wir klären“, sagt einer aus dem Quartett. Er sitzt wegen einer anderen Sache für eineinhalb Jahre im Jugendknast und wird von Advokat Axel Grüber vertreten. Gemeinsam sollen die Burschen, zwischen 19 und 24 Jahre alt, allesamt arbeitslos, am 22. Oktober über einen stämmigen Anstreicher hergefallen sein. Tatort: eine kleine Wohnung an der Bahnhofstraße. Der „Knacki“ sagt: „Das war ich allein, die anderen haben nix gemacht.“

Der Anstreicher kommt verspätet zum Prozess – und beschwert sich zunächst über den Staat, der so lange gebraucht habe, um das Verfahren zu eröffnen. Und dann gibt er seine Aussage zum Besten. Spricht von Folter, belastet – und verheddert sich in Widersprüchen. Denn bei Polizei und Staatsanwaltschaft klang die Sache anders als jetzt im Gerichtssaal. Der Richter schimpft: „Es geht mir fürchterlich auf den Geist, wenn Aussagen ohne Sinn und Verstand so beliebig daherkommen.“ Und regt sich richtig auf: „Erst zu spät kommen und dann noch dicke Lippe riskieren.“

Das Verfahren gegen zwei der Angeklagten wird eingestellt. Der vorbestrafte Schläger gelobt Besserung, hat in Haft mit Schulbesuchen und Antiaggressionstraining begonnen. Er kriegt zwei Monate obendrauf. Sein Kumpel, verteidigt von Holger Becher, ist noch wegen Diebstahls dran. Weil er einem Freund, der im Krankenhaus lag, in dessen Wohnung nicht die Blumen gegossen, sondern das Sparschwein geplündert hat. Dafür gibt’s 40 Sozialstunden. Der Prozess endet versöhnlich. Die Verurteilten sagen: „Passt schon!“

Olaf Moos

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare