Bauerntag in Lüdenscheid: Milchwirtschaft unter Druck

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Dr. Thomas Forstreuter, Josef Schreiber, Andreas Gorn und Wilhelm Brüggemeier beim Milchbauerntag in Lüdenscheid.   

Lüdenscheid - 8500 Liter Milch gibt eine durchschnittliche deutsche Kuh im Jahr. Wohin damit, ist die zentrale Frage, die die Milchwirtschaft zurzeit bewegt.

Um politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Perspektiven der Landwirtschaft und globale Auswirkungen ging es am Montag für rund 100 Landwirte, die im Bezirk Hellweg-Sauerland, entsprechend dem Regierungsbezirk Arnsberg, organisiert sind.

In der Halle des Bürger-Schützen-Vereins diskutierten sie mit ihren Fachleuten und Spitzenfunktionären um Lösungsansätze, wie die Milchwirtschaft aus ihrer augenblicklichen Krise finden kann. Einen Königsweg, um das vorwegzunehmen, fanden sie nicht.

Seit 2013/2014 befinden sich die Preise im Sinkflug. 40 Cent pro Liter erhielten die Erzeuger damals noch. Inzwischen liegt der Erlös bei rund 28 Cent, während die Aufwendungen annähernd gleich bleiben, so Andreas Gorn, Fachmann für den Milchmarkt. Damit geht für viele Höfe die Schere zusammen. Sie bekommen ein ernstes Liquidätsproblem.

Einer der Gründe ist die weltweit verhaltene Nachfrage. 50 Prozent der in Deutschland gemolkenen Milch fließt ins Ausland als Voll- oder Magermilchpulver oder Käse. Der russische Markt ist bedingt durch das Embargo weggebrochen. Im Inland drücken die Lebensmittelketten die Einkaufspreise. Sie verdienen mit Milchprodukten zwar kaum noch Geld, locken aber damit die Kunden in ihre Märkte hinein – und aus denen der Konkurrenz hinaus, so die Analyse Gorns und Wilhelm Brüggemeiers, Vizepräsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes.

Auf mittlere Sicht halten beide Referenten die Milchproduktion für zukunftsfähig. Langfristig werde der globale Bedarf steigen durch Bevölkerungswachstum und höhere Einkommen in den Schwellenländern. Die Erzeugung sei zudem nicht überall auf der Welt möglich.

Das aber hilft den Bauern konkret nicht weiter, denn die Fachleute erwarten für die nächsten Monate keine höheren Preise, sondern erst im ersten Quartal 2016 einen moderaten Anstieg. Brüggemeier fordert von der Politik daher bessere Unterstützung bei der Erschließung von Absatzmöglichkeiten und Bürgschaften beziehungsweise direkte Liquiditätshilfen. Zudem müssten Möglichkeiten geschaffen beziehungsweise genutzt werden, sich gegen die konjunkturellen Einbrüche zu versichern.

Bei den Bauern in der Runde traf dies nicht nur auf Zustimmung. Konkrete Lösungen habe er hier nicht gehört, sagte einer von ihnen. Eine direkte Unterstützung oder das Vorziehen von Auszahlungen bedeuteten nur „ein süßes Gift“ für die Empfänger.

KOMMENTAR

Globale Falle

Von Florian Hesse

Das Problem der Milchwirtschaft ist ein direktes Problem der Globalisierung. Deutsche Milch wird weltweit vermarktet. In guten Zeiten besteht für die Landwirte die Chance, ordentliches Geld zu verdienen, solange die Produktionskosten konkurrenzfähig bleiben und die Marge stimmt. Der verbreiteten Geiz-ist-geil-Mentalität der Verbraucher und den Lebensmittel-Monopolisten kommt das insofern entgegen, weil Milch billig bleibt. Kippen die Märkte aber aus irgendeinem Grund, stehen schnell Existenzen auf dem Spiel. Die Globalisierung erreicht längst auch den Kuhstall in Alten-Affeln.

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