Aufmerksame Nachbarin

Baby bei Minusgraden ausgesetzt: Freispruch nach „Missverständnis“

Lüdenscheid - Ihr sieben Monate altes Baby setze eine 24-Jährige bei minus 5 Grad vor der Tür des Vaters ab – der war aber gar nicht zu Hause. Das Amtsgericht sprach die junge Mutter nach dem „Missverständis“ zwischen den Eltern am Mittwoch frei.

Die Ausgangssituation kennen viele Eltern. Eine Mutter oder ein Vater möchten ein Kind nach der Trennung dem jeweils anderen zur Betreuung übergeben, doch der ist wider Erwarten nicht greifbar. In mindestens 99.999 von 100.000 Fällen würde Mutter oder Vater das Kind wieder mitnehmen. Nicht so eine 24-jährige Lüdenscheiderin, die ihren knapp sieben Monate alten Sohn am 19. Dezember in einer Baby-Schale vor der Tür des Kindsvaters stehen ließ.

„Ich habe den Jungen dann stehengelassen und bin gegangen“, gestand die Kindsmutter am Mittwoch im Amtsgericht unter Tränen. Dass sie sich verantwortungslos verhalten hatte, war ihr natürlich seitdem klar geworden. Und sie bemühte sich redlich um Aufklärung der Geschichte: Wohl irrtümlich war sie davon ausgegangen, dass der Kindsvater aus Böswilligkeit nicht die Tür geöffnet hatte.

„Ich war total auf den Gedanken getrimmt, dass er mich vielleicht ärgern wollte“, erklärte die junge Frau. „Ich bin davon ausgegangen, dass er den Jungen nicht entgegennehmen will.“ Tatsächlich hatte es zuvor wohl ein Missverständnis zwischen den Elternteilen gegeben: Der Vater war nicht zuhause, sondern auf dem Weg zur Arbeit. Nun war der kleine Junge im Prinzip auf sich selbst gestellt, aber er hatte gute Karten, das abenteuerliche Verhalten seiner Mutter trotz fünf Grad unter Null ziemlich unbeschadet zu überstehen: Er steckte in einem Daunenanzug, hatte Strumpfhose und Hose an, eine Mütze auf dem Kopf und war mit einer Decke umwickelt.

Dass er recht bald zu einem Findelkind wurde, verdankte er auch seinem Schreien: Es alarmierte eine 77-jährige Nachbarin, die den Jungen zu sich in die Wohnung holte. Ihr fünfjähriger Enkel nahm sich des Kleinen an: „Er streichelte ihn – da wurde er ruhig.“

Der Straftatbestand der „Aussetzung“ beinhaltet die Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschädigung des Opfers. Deshalb hatte das Gericht Dr. Bernhard Köster, Leiter der Kinderklinik in Hellersen, um ein Gutachten gebeten. Der Arzt machte deutlich, dass der Säugling – angemessen bekleidet – mindestens acht Stunden vor der Tür seines Vaters hätte ausharren können, ohne in Lebensgefahr zu geraten. Und innerhalb dieser Zeit war es zu erwarten, dass er tatsächlich von jemandem gefunden wurde.

So endete die Geschichte mit einem Freispruch durch das Schöffengericht und einer versöhnlichen Umarmung zwischen den Kindseltern: „Sie ist keine schlechte Mama“, hatte der Vater des Kleinen als Zeuge versichert.

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