Obduktion und Ermittlungen

Tödliches Drama im Klinikum: Baby Aron stirbt im Mutterleib - Ärztefehler?

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Den kleinen Sarg, in dem Aron beerdigt wurde, verzierten Freunde mit Sternen.

Lüdenscheid/Oberbrügge – Eine Schwangere kommt mit Unterleibsschmerzen in die Frauenarztpraxis. Sie ist in der 35. Woche. Der Arzt diagnostiziert einen Magen-Darm-Infekt. Stunden später stirbt Baby Aron im Mutterleib. 

  • Wegen Unterleibsschmerzen sucht eine Schwangere ihren Frauenarzt auf.
  • Der Frauenarzt diagnostiziert einen Magen-Darm-Infekt.
  • Das Drama nimmt im Klinikum Lüdenscheid einen tödlichen Verlauf.

An der Wand im Wohnzimmer in der gemütlichen Drei-Zimmer-Wohnung in Oberbrügge hängt ein Foto. Es zeigt einen neugeborenen Jungen. Sein zierlicher Körper ist in ein Handtuch gewickelt, eine Mütze bedeckt den kleinen Kopf. Der Mund ist geöffnet, die Augen sind geschlossen – als wenn er träumen würde... 

Wenn die Blicke seiner Eltern die Schwarzweiß-Fotografie streifen, ergreift eine große Traurigkeit den Raum, denn Aron schläft nicht. Das Kind auf dem Foto ist tot.

Frauenarzt diagnostiziert Magen-Darm - Baby Aron stirbt im Mutterleib

Ihr Sohn könnte noch leben, davon sind Antoinette App-Manz und ihr Ehemann Arndt fest überzeugt – wenn der Frauenarzt bei einer hochschwangeren Frau mit Unterleibsschmerzen nicht einen Magen-Darm-Infekt diagnostiziert hätte. 

Er hätte vor einigen Tagen seinen ersten Geburtstag gefeiert, wenn sich die Assistenzärztin an ihrem ersten Tag Hilfe von erfahrenen Ärzten geholt hätte. Und Aron würde in ein paar Wochen „Mama“ und „Papa“ sagen, wenn irgendjemand in Klinik oder Praxis – nur ein einziges Mal – an das ungeborene Kind gedacht hätte. 

Eltern erwarten ihr erstes Kind - dann kommt die 35. Schwangerschaftswoche

Den 3. Juli 2019 werden Antoinette und Arndt nie vergessen. Sie erwarten damals ihr erstes Kind. Antoinette hat gerade die 35. Schwangerschaftswoche erreicht. Aron entwickelt sich prächtig. Die Schwangerschaft verläuft ohne Komplikationen. Der Geburtstermin ist der 13. August. Alles ist vorbereitet im Hause App-Manz für die Ankunft des Erstgeborenen. 

Beim Frauenarzt: Unterleibsschmerzen und Übelkeit, CTG zeichnet Herztöne auf

Am Morgen des 3. Juli erwacht Antoinette mit einem Ziehen im Unterbauch. Als die Schmerzen stärker werden, fährt sie mit ihrer Mutter zu ihrem niedergelassenen Frauenarzt. Dort wird Antoinette eine halbe Stunde lang ans CTG gelegt. Mit diesem Gerät werden die Herztöne des Kindes im Mutterleib aufgezeichnet. Antoinette überkommt eine heftige Übelkeit. 

Diagnose des Frauenarztes: Magen-Darm-Infekt - ein Ultraschall wird nicht gemacht

Der Frauenarzt wird hinzugerufen. Er schaut auf die CTG-Aufzeichnungen, die zu diesem Zeitpunkt keine Auffälligkeiten zeigen. Unterleibsschmerzen und Übelkeit der Schwangeren allerdings schiebt er fatalerweise auf einen Magen-Darm-Infekt. „Der Arzt sagte, er hätte so etwas auch schon mal gehabt“, heißt es im Gedächtnisprotokoll. 

Antoinette besteht auf eine Untersuchung im Krankenhaus. Ein Krankenfahrdienst wird gerufen. Auf die Überweisung schreibt der Frauenarzt die Diagnose „Gastroenteritis“. Eine Ultraschalluntersuchung wird in der Praxis nicht durchgeführt. 

Gynäkologische Ambulanz statt Kreißsaal - Gefährdung des Babys?

Gegen 12.30 Uhr trifft Antoinette in der Notaufnahme des Klinikums Lüdenscheid ein. Sie wird – vermutlich aufgrund der fachärztlichen Diagnose – anstatt in den Kreißsaal in die Gynäkologische Ambulanz gebracht. 

„Wäre auf der Überweisung zutreffend vermerkt worden, dass eine Gefährdung von Mutter und insbesondere Kind abzuklären sei, wäre die Mandantin zwingend in den Kreißsaal eingeliefert worden“, sagt der Lüdenscheider Anwalt Peter Seyfried, der die Familie App-Manz vertritt. So aber nahm das Unheil seinen Lauf.

Schmerzmittel und keine neue Diagnose: Ultraschallbilder nicht zu verwenden

Eine Assistenzärztin nimmt die Behandlung vor. Gegenüber Antoinette sagt sie, dass es ihr erster Tag in der Gynäkologischen Ambulanz ist. Laut Gedächtnisprotokoll durchsticht die Ärztin beim Blutabnehmen die Vene, auch ihre Ultraschalluntersuchung der Gebärmutter scheitert nach Angaben von Antoinette trotz mehrerer Versuche.

Eine erneute CTG-Aufzeichnung wird nicht veranlasst. Und was besonders auffällt: Eine neue Diagnose wird nicht gestellt. Stattdessen verabreicht die Ärztin starke Mittel gegen Schmerzen und Übelkeit. Antoinette, die kurz darauf stationär aufgenommen wird, fällt in einen Dämmerzustand, macht auch in der Nacht kaum ein Auge zu. 

Am nächsten Morgen finden sich keine Herztöne mehr

Am nächsten Morgen sind Schmerzen und Übelkeit zurück. Antoinette erinnert sich: „Die Hebamme legte mich an ein CTG. Sie suchte Herztöne und fand keine. Sie meinte, er habe sich gut versteckt. Dann ging sie zu einer OP. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam sie zurück, suchte erneut und fand wieder keine Herztöne. Ich begann zu weinen.“ 

Plazentablösung und kein Fruchtwasser mehr in der Fruchtblase - Aron erstickt

Ihre schlimmsten Befürchtungen treten ein. Weitere Untersuchungen bestätigen, dass sich die Plazenta bereits gelöst hat. In der Fruchtblase befindet sich kein Fruchtwasser mehr. Die Sauerstoffzufuhr ist unterbrochen, Aron erstickt. „Intrauteriner Fruchttod mit Plazentaablösung“, heißt es im Entlassbrief des Klinikums. Aron ist 49 Zentimeter groß und 2.420 Gramm schwer. 

Strafanzeige, Beschlagnahmung des Leichnams und Obduktion 

Noch aus dem Krankenhaus heraus stellen die verzweifelten Eltern am 8. Juli Strafanzeige gegen die behandelnden Ärzte. Ermittler der Polizei beschlagnahmen den Leichnam und die Plazenta. Schon einen Tag später wird Aron in der Dortmunder Rechtsmedizin obduziert. 

Unter der Aufsicht der Ärzte lebte das Kind noch mindestens zehn Stunden

Das Ergebnis: Das Kind ist „nicht länger als zwölf Stunden vor der Entbindung um 10.45 Uhr“ gestorben. Das bedeutet: Bis 22.45 Uhr lebte Aron noch. „Ich bin um 12.30 Uhr eingeliefert worden. Die Ärzte hatten also mindestens zehn Stunden Zeit, etwas zu unternehmen, um ein lebendes Kind zur Welt zu bringen“, sagt Antoinette App-Manz. 

Aron war gesund, die 35. Schwangerschaftswoche erreicht. Nichts sprach aus Sicht von Familie und Anwalt gegen eine vorzeitige Entbindung, zumal eindeutige Anzeichen für eine Schwangerschaftsvergiftung vorgelegen hätten, meint Anwalt Seyfried.

Der Tod des ungeborenen Kindes zählt vor dem Gesetz nicht

Ermittelt wird wegen fahrlässiger Körperverletzung der Mutter. Antoinette befindet sich nach dem Kaiserschnitt selbst in Lebensgefahr. Durch eine Not-OP wird ihr Leben gerettet. Der Tod von Aron dagegen ist strafrechtlich ohne Belang, da das Kind bei seiner Geburt nicht mehr lebte. 

Frauen, die abtreiben, werden bestraft, ein Arzt, der einen Fehler macht, nicht

„Hätte Aron einen Atemzug gemacht und wäre dann gestorben, sähe das anders aus“, weiß Antoinette. Sie versteht nicht, warum Mütter, die nach der 14. Schwangerschaftswoche eine Abtreibung vornehmen lassen, bestraft werden; der Tod ihres Sohnes durch einen mutmaßlichen Ärztefehler aber vor dem Gesetz gar nicht zählt. 

Die Ermittlungen: Vier Gutachten liegen vor - Anklage gegen Frauenarzt? 

Die Ermittlungen in dem Fall führt die Staatsanwaltschaft Hagen. Die Ergebnisse von vier Gutachten liegen inzwischen vor. Derzeit befinden sich die Akten laut eines Sprechers beim Rechtsbeistand der Eltern. 

„Sollten dort keine weiteren Fragen auftauchen, werden wir in absehbarer Zeit entscheiden, ob Anklage erhoben oder das Verfahren eingestellt wird“, sagt der Sprecher. Als einziger Beschuldigter werde der niedergelassene Frauenarzt geführt. 

Ein Fehler im System? 

Antoinette ist selbstständige Kinderphysio- und Atemtherapeutin. In ihrem Beruf arbeitet sie unter anderem mit Kindern, die durch Komplikationen oder durch von den Eltern vermutete Ärztefehler bei der Geburt schwerstbehindert sind. Dabei treffe sie immer wieder auf „hochtraumatisierte Eltern, die ihre Geschichte nie aufarbeiten konnten“, sagt die Oberbrüggerin. 

"Ärzte müssen sich ihre eigenen Fehler anschauen und daraus lernen"

„Diese Eltern werden oft ab der Geburt mit einem behinderten Kind allein gelassen. Es erfolgt keine gemeinsame Aufarbeitung oder ein geregelter Austausch von Informationen. Ärzte mauern. Diese Eltern brauchen eine Begleitung. Ärzte müssen sich ihre eigenen Fehler und Abläufe im System anschauen – zum Beispiel den nicht vorhandene Austausch mit Geschädigten – und daraus lernen“, fordert Antoinette. 

Ihr Verdacht: „Es gibt kein funktionierendes Qualitätssystem und auch keine entsprechenden Leitfäden“, auch nicht in den Märkischen Kliniken. Bis heute quält sie eine Frage: „Warum hat die junge Ärztin keine Hilfe geholt?“.

Familie wünscht sich Entschuldigung, erhält aber nicht einmal eine Beileidskarte

„Vorher hätte ich mir gewünscht, dass mir zugehört wird, nach dem Tod von Aron, dass man sich bei uns entschuldigt und zu einem Austausch bereit gewesen wäre“, sagt Antoinette. 

Nicht einmal eine Beileids-Karte zur Beerdigung habe man erhalten. „Wir möchten, dass sich alle Beteiligten mit dem Geschehenen beschäftigen“, sagt Arndt.So wie sie es jeden Tag beim Blick auf das Foto von Aron machen

Bewegende Trauerfeier in Oberbrügge mit Freunden und Nachbarn für Aron

Halt und Kraft in dieser schwierigen Zeit gibt der Familie die Gemeinschaft in Oberbrügge. Zur Beerdigung am 12. Juli 2019 verzieren Freunde und Nachbarn den Sarg. Zum Abschluss der Trauerfeier lassen sie Luftballons für Aron in den Himmel steigen. Ihre Gebete werden erhört. Antoinette ist wieder schwanger.

STELLUNGNAHMEN VON FRAUENARZT UND MÄRKISCHEN KLINIKEN

Die Märkischen Kliniken beantworten den umfangreichen Fragenkatalog unserer Redaktion nur allgemein. „Auf Hinweis der ermittelnden Behörden, die wir vorab ebenfalls kontaktiert haben, werden wir uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht öffentlich äußern, um nicht das laufende Verfahren zu beeinflussen“, heißt es in der Stellungnahme. 

Man könne „bestätigen, dass sich die Ermittlungen nicht auf Mitarbeiter des Klinikums erstrecken, gleichwohl ist es uns sehr wichtig, die Ermittlungen zu unterstützen und unseren Beitrag zur Aufarbeitung zu leisten.“ 

Und weiter: „Von dem tragischen Entwicklungsverlauf sind wir und insbesondere das Team der Frauenklinik sehr betroffen. Der Verlust eines Kindes gehört sicher zu den schmerzvollsten Ereignissen im Leben, die nur schwer zu verarbeiten sind. Wir fühlen mit Frau und Herrn App-Manz und unsere Gedanken sind in dieser schweren Zeit bei der Familie und den Angehörigen. Falls die Familie es wünscht, stehen wir jederzeit für persönliche Gespräche und Unterstützung, da, wo es möglich ist, zur Verfügung.“ 

Unsere Redaktion hat auch den behandelnden Frauenarzt um eine Stellungnahme gebeten. Seine Antwort: „Nach Rücksprache mit meiner anwaltlichen Vertretung werde ich, da ein laufendes Verfahren betroffen ist, zur Sache keine Stellung nehmen.“

Das Schicksal von Niklas (20) bewegte Zehntausende - er wurde von einer Ärztin nach Hause geschickt

Eine Ärztin im Klinikum Lüdenscheid schickte Niklas (20) nach Hause, jetzt ist er tot. Um die Todesursache zu ermitteln, musste sein Grab geöffnet werden. Während der Corona-Pandemie behandelten die Ärzte in den Märkischen Kliniken Dutzende Corona-Infizierte auf der Intensivstation. Inzwischen bereitet man sich im Klinikum Lüdenscheid auf eine zweite Corona-Welle vor

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