Babyboom zehn Monate nach Lockdown? Frauenärzte aus MK berichten

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Der Babyboom bleibt in der Corona-Zeit vorerst aus. Die Frage kann allerdings noch nicht final beantwortet werden. (Symbolfoto)

Kommt nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 nun ein Babyboom? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es für die Stadt Lüdenscheid derzeit noch nicht, wie eine kleine Umfrage unter niedergelassenen Ärzten, einer Hebamme sowie den Märkischen Kliniken ergab.

Lüdenscheid – Kein Vereinssport, keine Theater- oder Kino-Besuche, weniger ehrenamtliche Verpflichtungen: Fährt das öffentliche Leben herunter, gewinnt die Zeit für Familie und Beziehung an Bedeutung. Doch hat dies auch Auswirkungen auf den Kinderwunsch eines Paares? Kommt nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 nun ein Babyboom?

StadtLüdenscheid
KreisMärkischer Kreis
Einwohnerzahl72.313 (Stand: 31.12.2019)

Die Antwort ist nicht eindeutig zu klären. Denn: Während auf der einen Seite das Thema Familie und damit der Kinderwunsch in der Pandemie wichtiger wird, führten gesundheitliche Sorgen oder auch Existenzängste dazu, dass das Thema Baby zunächst verschoben wird.

Babyboom zehn Monate nach Lockdown: Manche Paare offener für Kinder

Während beispielsweise die Märkischen Kliniken für Lüdenscheid konstante Geburtenzahlen vermelden, freut sich Gynäkologe Dr. Njawe Siewe über Zuwächse: „Tatsächlich verzeichnen wir weit mehr Schwangerschaften in unserer Praxis als vor der Pandemie“, macht er auf Anfrage deutlich – und liefert sogleich zwei mögliche Erklärungen: „Wegen Lockdown und Homeoffice müssen sich Paare miteinander ‘beschäftigen’, außer TV und Internet zur Ablenkung stehen die erweiterte Familien, Freunde, Unternehmungen und Termine nicht mehr oder viel weniger zur Verfügung. Kinderlose Paare oder Paare mit nur einem Kind sind daher offener für ein Geschwisterchen als Spielkameraden fürs erste Kind.“

Aber auch Dr. Siewe kennt die andere Seite: „Es gibt allerdings einige Patientinnen, die sich wegen der Umstände auch bewusst gegen eine Schwangerschaft entscheiden und das Thema Kind um Monate verschieben“, verweist er unter anderem auf Familien, die – wegen der Kurzarbeit eines Partners oder einer Selbstständigkeit – den Kinderwunsch aus finanziellen Überlegungen verschieben. Und: „Es gibt auch Familien, die aus Angst vor den Auswirkungen einer Covid-19-Infektion auf ihr ungeborenes Kind etwas warten wollen.“

Babyboom zehn Monate nach Lockdown: Verschiedenste Ängste bei werdenden Eltern

Eher unveränderte Zahlen vermeldet auch Dr. Jörn Tornow – und zwar sowohl für seine Praxis als auch für die Berglandklinik: „Einen übermäßigen Anstieg an Schwangerschaften und Geburten kann ich derzeit nicht feststellen“, erläutert er. Derzeit sei es eher ruhig. „Das sind aber die normalen Schwankungen innerhalb eines Jahres.“ Eine gewisse Zurückhaltung bei Paaren sei in Gesprächen dennoch spürbar – aus Angst vor gesundheitlichen Problemen. „Aber da kann ich sie beruhigen: Durch Corona besteht in der Schwangerschaft weder für die Mutter noch das Ungeborene eine besondere Gefahr“, verweist er darauf, dass die Schwangerschaft keinen schlechteren Verlauf nehme.

Keine großen Veränderungen im Hinblick auf die Anzahl der Schwangerschaften stellt auch Hebamme Almut Rhode fest. „Einen Babyboom gibt es bei mir nicht.“ Dafür jedoch verschiedenste Ängste bei den werdenden Eltern – allerdings keineswegs in Bezug auf die Familienplanung. „Eine der größten Sorgen der Frauen ist zum einen, dass der Partner bei der Geburt nicht dabei sein könnte“, weiß Rhode. Zum anderen hätten viele Frauen Angst, sich während ihres Aufenthalts im Krankenhaus zu infizieren. „Viele Frauen entscheiden sich daher häufiger als sonst für eine ambulante Geburt – gehen also nach einigen Stunden nach Hause, wenn alles gut verlaufen ist.“ Denn auch Besuch ist – mit Ausnahme des Mannes für einige Stunden am Tag – nicht erlaubt. „Wobei wir dies durchaus als großen Vorteil empfinden, weil die Frauen viel mehr Ruhe im Wochenbett bekommen.“

Babyboom zehn Monate nach Lockdown: Derzeit keine Familienzimmer

Vorbereitungskurse per Videokonferenz, Voruntersuchungen ohne Begleitung, besondere Hygienemaßnahmen und eine etwas andere Wochenbett-Betreuung: In Zeiten von Corona läuft die Interaktion mit den werdenden Müttern anders ab als gewohnt: „Es ist nicht mehr möglich, in großen Gruppen in die Praxis zu kommen“, erläutert Dr. Siewe. „Patientinnen dürfen jedoch mit ihrem Partner oder einem Begleiter zum Arztgespräch und zur Untersuchung kommen, allerdings muss der Begleiter so lange außerhalb der Praxisräume warten, bis die Patientin mit der Untersuchung dran ist.“

Auch in die Praxis von Almut Rhode kommen die Frauen derzeit nur allein, Dr. Tornow erlaubt den Partnern, bei den drei wichtigsten Vorsorge-Untersuchungen dabei zu sein. Und: „Bei der Geburt kommt der werdende Vater dann in der entscheidenden Phase in den Kreißsaal. In den OP darf er jedoch nicht.“ Und Kliniksprecher Dr. Norbert Jacobs erklärt, dass die werdenden Väter ihre Frauen zwar zur Geburt begleiten dürfen, es aber keine Familienzimmer gebe. „Alle Kurse vor und nach der Entbindung entfallen durch die Auflagen, die Kreißsaalführungen finden nur online statt“, erläutert er die weiteren Veränderungen aufgrund der Pandemie.

Babyboom zehn Monate nach Lockdown: Hebamme bietet Vorbereitungskurse per Video an

Vorbereitungskurse per Video bietet daher Hebamme Almut Rhode an: „Zunächst wollte ich das gar nicht, aber der Bedarf ist einfach groß. Viele Frauen waren schlichtweg verzweifelt, dass nichts mehr angeboten wird. Und mittlerweile macht es auch richtig Spaß“, verweist sie darauf, sich in der besonderen Situation auf technische Neuerungen einlassen zu müssen. Und das gilt auch im Hinblick auf die Wochenbettbetreuung. „Diese Besuche mache ich wirklich nur, wenn es dringend ist. Alles andere läuft telefonisch oder per Videokonferenz. Und auch da kann ich dann gezielt weiterhelfen.“

Ob die Pandemie im Verlaufe des Jahres vielleicht doch noch für einen Babyboom sorgen wird, bleibt also abzuwarten. Grundsätzlich gibt es derzeit aber auch Vorteile, findet Dr. Siewe: „Insgesamt achten alle mehr auf Hygiene, insbesondere der Hände. Und außerdem können wir uns mehr auf die Patientinnen konzentrieren.“

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