Autor Christian Seltmann liefert sein erstes Buch für erwachsene Leser ab

Geschichten über Fischköppe, Provinzdeppen und Langweiler

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Christian Seltmann hat sein erstes Buch für erwachsene Menschen herausgebracht.

Lüdenscheid - Er liebt seine Heimatstadt Berlin. So viel ist klar. Und irgendwie auch nicht. „Berlin hat sich in den letzten Jahren verändert“, sagt der Schriftsteller Christian Seltmann. Der Bevölkerungszuwachs liege knapp unter 20 Prozent. Er rührt in seiner Kaffeetasse, den Schal lässig um den Hals geworfen, Sakko, Jeans: „Was mir auf den Sack geht, sind die Touristen, die die Stadt benutzen, die so tun, als wären sie im Phantasialand – das nervt!“

Christian Seltmann hat sein erstes Buch für erwachsene Menschen herausgebracht. „Where the fuck is the Führer?“ – Geschichten eines Touri-Guides in Berlin. Aufgewachsen ist er in Oberbrügge, seine Eltern wohnen dort.

Nach Berlin verschlagen hat es ihn, „na, wie das so ist. Schuld ist eigentlich die Lüdenscheider Stadtbücherei. All die Bücher, die man da so als Gymnasiast liest. All die Flausen... Der Literaturkurs auf dem Gymnasium in Halver...“

Matratzenauslieferer, Dozent und Drehbuchautor 

Irgendwann zog es den Dichter hinaus in die Welt. Geschichte, Germanistik und Philosophie in Bochum, Hörfunk-Journalist in Nordrhein-Westfalen, Lektor in einem Bühnenverlag, seit 1997 in Berlin, Redakteur bei Pro7-TV in München, dann wieder beschäftigt bei einem Zeichentrickfilm-Unternehmen und Dozent am Institut für Sprache und Kommunikation an der Technischen Universität Berlin, Übersetzer, Fernsehredakteur, Rocksänger, Producer, Matratzenauslieferer, Rettungssanitäter und Drehbuchautor.

"Berlin ist was für Rastlose"

Heute arbeitet er unter anderem als Autor von (Kinder)Büchern, Hörspielen oder Theaterstücken und als Übersetzer. Und zwischendurch – da war er Touri-Guide in Berlin. Eine Vita, die nach Rastlosigkeit klingt. „Berlin ist was für Rastlose“, kommentiert er schlicht.

Ein "Sachbuch"

„Where the fuck is the Führer?“, verlegt im Ullstein-Verlag, ist ein 250 Seiten starkes literarisches Referat über Menschen, die die Hauptstadt besuchen, die beim Seltmann’schen Arbeitgeber eine Tour durch die Stadt buchen, mit dem Fahrrad oder auch auf dem Segway. Ein Sachbuch, wie Seltmann betont. Einiges sei gerafft und verdichtet, „aber Fiktion ist das eigentlich nicht“.

Touristen kommen nicht gut weg

Die Touristen, die dem Wahl-Berliner „auf den Sack gehen“, kommen nicht gut weg in dem Buch. Generell die Hamburger zum Beispiel, nicht wirklich liebevoll „Fischköppe“ genannt. Arrogant und überheblich. Oder Heinz aus Höxter – langweilige Leute, die langweile Sachen langweilig erzählen. Rikschas sind was für faule reiche Ausländer, der öffentliche Nahverkehr für Wichtigtuer und Lehrer. Oder Irene „...war vor zwanzig Jahren sicher ein hübscher Wonneproppen. Zwischendurch war sie dann eine schwangere Wuchtbrumme, und jetzt ist sie eine fette Kuh mit viel zu viel Schminke im Gesicht...“. Menschliche Respektlosigkeit spricht aus vielen Zeilen, die Seltmann über bescheuerte Provinzdeppen, Schnepfen und geizige Touristen aus NRW verfasst.

Zynisch, aber nicht menschenfeindlich

Zynisch sei er, aber den Vorwurf der Menschenfeindlichkeit weist Christian Seltmann von sich. Die meisten Touren seien gut gewesen, aber daraus könne man ja kein Buch machen: „Ich hab nichts gegen die Leute!“ Gegen Lüdenscheid als Geburtsort habe er auch nichts, sagt er. „Wenn ich wenigstens Heidelberg sagen könnte oder Kassel oder Bad Brückweg oder irgendetwas, das nach was klingt oder was man kennt. Aber Lüdenscheid? Das ist so etwas wie ,Kenn ich, muss ich nicht kennen, will ich nicht hin, hab ich nie was Vernünftiges drüber gehört“, heißt es dazu im „Führer“-Buch.

Ein Projekt über vier Jahre

Vier Jahre hat sich das Buchprojekt hingezogen, „das ist eines der ältesten Projekte von mir“. Immer wieder hat Seltmann nach ganz besonderen Touren seinen Füller heraus gekramt und seine Erlebnisse in eine Kladde geschrieben. Und dann waren da immer mehr Kladden, die am Ende ihren Weg zum Seltmann’schen Agenten und schließlich zum Verlag fanden. Grundsätzlich sei er nicht des Geldes wegen Touri-Guide geworden: „Ich wollte unter Menschen, das Leben war mir zu einsam“, gibt er unumwunden zu.

Nächstes Projekt wird ein Jugendbuch

Es hätte noch eine ganze Menge Anekdoten gegeben über all die Menschen, die dem Touri-Guide in besonderer Erinnerung geblieben sind. Aber die ganz spezielle Stadtbetrachtung ist mit „Where the fuck is the Führer?“ erledigt, das nächste Projekt wird ein Jugendbuch sein.

Der 47-Jährige ist viel auf Leserreise unterwegs, heute Schleswig-Holstein, morgen Freiburg. In Nordrhein-Westfalen allerdings noch nie – „Die haben meistens kein Geld für Lesungen, und wir Autoren leben davon.“ Ein Aufeinandertreffen mit dem selbstbewussten Oberbrügge-Berliner wird es also in allernächster Zukunft nicht geben. Oder vielleicht doch – immerhin wünscht er sich eine Lesung in seiner alten Grundschule Lösenbach an der Schubertstraße.

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