„Autobummserei“: Konkrete Beweise Fehlanzeige

Lüdenscheid - Fingierte Autounfälle, Falschaussagen, Versicherungsbetrug, Schäden im fünfstelligen Bereich, das alles sorgsam organisiert in einem Netzwerk aus Familien und dubiosen Bekannten – die Ermittler puzzlen seit Jahren an diesem kriminellen Geflecht.

Doch Vermutungen und Rückschlüsse reichen vor Gericht nicht aus. Und auch diesmal fehlen der Justiz offenbar die entscheidenden Beweise, um die Strippenzieher und Profiteure der gewerbsmäßigen „Autobummserei“ zu überführen.

Es knallt nie richtig derbe. Die mutmaßliche Bande hat sich eher auf Kratzer spezialisiert. Die entstehen, wenn Autos leicht aneinander geraten oder Leitplanken seitlich touchieren. Die Verletzungsgefahr bleibt gering, der Schaden ist vergleichsweise hoch. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft waren die drei Angeklagten in unterschiedlichen Funktionen an vier abgesprochenen Unfällen beteiligt, für die Versicherungen mit insgesamt knapp 34 000 Euro aufgekommen sind.

Für einen Leiharbeiter (41) aus Kasachstan geht es am schnellsten in diesem Prozess. Er hatte bereits als Zeuge vor dem Landgericht ausgesagt und behauptet, alles sei sauber an diesen Unfällen, nichts fingiert. Das brachte ihm ein Verfahren wegen Falschaussage ein. Jetzt fackelt er nicht lange und gibt zu, gelogen zu haben. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Andreas Klose aus Werdohl, bezeichnet seinen Mandanten als „kleines Rädchen an einem großen Wagen“. Mitgemacht habe aber „niemand, der hier sitzt“. Das ist nicht zu widerlegen. Der Arbeiter kommt mit sieben Monaten auf Bewährung und 1000 Euro Geldbuße davon.

Die Ursache einer Kollision zwischen zwei teuren Audis auf der A 45 bleibt unaufgeklärt. Ein 47-jähriger Elektriker aus Albanien war daran beteiligt, hört aber auf den Rat seines Verteidigers Andreas Trode – und schweigt. Richter Jürgen Leichter und seine Kollegen stellen sein Verfahren ein.

Der Dritte im Bunde, ein türkischer Autohändler (39). sagt ebenfalls nichts. Doch Staatsanwalt Andreas Noelle ist überzeugt, ihm wenigstens zwei der „Bummsereien“ nachweisen zu können. Helfen soll dabei ein Polizist, der seit Jahren an den Ermittlungen arbeitet.

Doch seine Angaben bleiben vage. Verteidiger Dirk Löber vermisst „konkrete Beweise und klare Erkenntnisse“. Der Beamte räumt ein, viele seiner Indizien seien „Rückschlüsse“ oder „Interpretation“. Zum Beispiel das Auftauchen immer derselben Namen aus einer Familie. Das ständig gleiche Unfallmuster und identische Vorgehensweisen. Oder die Tatsache, dass die beteiligten Autos kurz vor den Unfällen zugelassen und bald danach wieder abgemeldet wurden.

Einmal hat es eine Telefonüberwachung gegeben, und die Fahnder erlebten den Unfall „live“ mit, wie der Polizist stolz sagt. Doch das war ein anderer Fall, der jetzt gar nicht zu Debatte steht.

Mehr Klarheit versprechen sich die Richter aus dem Gutachten des Unfallsachverständigen Martin Kornau. Er soll sich am nächsten Donnerstag dazu äußern, ob das Zustandekommen der Schäden plausibel zu erklären ist.

Olaf Moos

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