Man sieht mit anderen Augen

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Erich Reusch (rechts) ließ es sich nicht nehmen, zur Vernissage seiner Ausstellung zu kommen.

Lüdenscheid - Vielleicht war er ein bisschen wackeliger auf den Beinen als sonst, aber der Respekt der versammelten Kunstgemeinde galt am Donnerstagabend Professor Erich Reusch. Am Nachmittag war der Bildhauer mit seinem Wagen verunglückt, am Abend wollte er auf keinen Fall die Vernissage seiner Ausstellung in der Städtischen Galerie verpassen und ließ sich nahezu pünktlich vorfahren.

Mehr als 150 Gäste waren gekommen, um einem der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts die Ehre zu erweisen. Die Einführung in das Werk des Künstlers übernahm nach dem Grußwort für die Stadt durch Kulturdezernent Thomas Ruschin der Münsteraner Kunsthistoriker Dr. Erich Franz. Er stellte die skulpturale Kunst Reuschs in den Mittelpunkt und erläuterte die Intention des Künstlers, nicht die Skulptur allein, sondern die Kunst im Zusammenhang mit dem sie umgebenden Raum zu betrachten: „Das eigentliche Objekt ist der Raum“, verwies er auf die Anordnung zweier aufrechter Metallquader und einer dazwischen liegenden Platte im Obergeschoss der Galerie. Man müsse den Raum in den Quadern, den Zwischenraum, ja sogar den umgebenden Raum als Ganzes betrachten: „Man sieht mit anderen Augen“. Reusch sei ein Künstler der Nachkriegszeit, seine Kunst fordere die Bereitschaft zum individuellen Weiterdenken heraus. In seinen Werken gehe es um Freiheit und aktive Beteiligung: „Das Werk ist nicht im Zentrum des Blickes, sondern der Raum zwischen den Dingen.“

Zustande gekommen ist die Ausstellung durch Reuschs alten Freund und Weggefährten Klaus Crummenerl. Er war’s, der anregte, zu Ehren des 90. Geburtstages des Künstlers Erich Reusch eine Ausstellung zu widmen. Die Kunststiftung NRW, die Kunstfreunde und die Sparkasse Lüdenscheid sorgten für den notwendigen finanziellen Spielraum.

Erich Reusch setzte seine Gedanken zur Räumlichkeit zunächst beruflich um – als freischaffender Architekt in Düsseldorf, beteiligte sich am westdeutschen Wiederaufbau. Später wollte er seine Raumkonzepte durch die Kunst ausdrücken, entwarf Bodenskulpturen, in den 80er-Jahren dann elektrostatischen Objekte. In das Plexiglasobjekt brachte der Bildhauer ein Gemisch aus Gas und Rußpartikel. Der Staub wirbelte auf Innenwände und Boden und macht auf diese Weise das Raumvolumen sichtbar. Entsprechende Objekte zeigt die Ausstellung im Obergeschoss.

Im Untergschoss der Galerie überwiegen die malerischen Arbeiten Reuschs. Wenig, worauf man hier blickt, ist statisch. Das Auge des Betrachters springt zwischen Farben und Formen haltlos hin und her und verliert sich im Raum. Seine Malereien seien keine Gemälde, konstatierte Dr. Franz, es seien Spritzer und Bewegungsbahnen, die das Sehen verwandeln und in Bewegung bringen. Erst bei genauerer Betrachtung erkenne man eine Geometrie.

In Lüdenscheid zeugen zwei Exponate von der kreativen Schaffenskraft Erich Reuschs: Der auf einer Ecke stehende Würfel vor der Stadtbücherei und die beiden Metallwände vor dem Gebäude der Stadtwerke. Der Künstler lebt heute in Neuenrade.

Die Ausstellung ist bis zum 20. September zu sehen, der Eintritt ist frei.

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