Eindrücke aus Venedig

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Klaus Sticken war einmal mehr zu Gast in Lüdenscheid. Im Mittelpunkt seines Vortrages standen Werke von Julius Reubke.

LÜDENSCHEID - Mit großer Spannung erwartet wurde im Kulturhaus des Pianisten Klaus Sticken Interpretation von Julius Reubkes Sonate b-Moll. Am Ende hatte Sticken sein Publikum vollends überzeugt, wurde mit Beifall überschüttet und zu einer kleinen Zugabe getrieben.

Von Ulf Schwager

Es ist nicht so, dass der früh verstorbene Liszt-Schüler Reubke allerlei Blendwerk hinterlassen hätte. Viele vermuten, dass er, vorausgesetzt die Tuberkulose hätte ihn nicht im Alter von 24 Jahren dahingerafft, seinen Lehrer kompositorisch bei weitem übertreffen hätte können. Majestätisch, triumphal wie pathetisch ist Reubkes Sonate, und Sticken gab dieser Lesart Ausdruck, ohne auf Wirkung zu zielen, legte sein Spiel ausgewogen an. Natürlich herrschte da auch dynamischer Zugriff, herrschten Fortissimi, die schier an die Grenze gingen. Dabei setzte Sticken, wie dies an diesem Abend durchgängig der Fall war, auf Klang und Transparenz auch bei wildesten Akkordhäufungen. Wohltuend dezent war da der Pedaleinsatz. Zum Genuss wurde der sangliche Mittelsatz. Das prächtige Finale inklusive freudig ausgebreiteten virtuosen Spektakels nahm Sticken auf höchst musikantische Weise auf, ließ selbst in den wildesten Passagen Substanz nicht aus dem Auge, fügte in beherrschter Art eines Ausnahmepianisten Werk und Interpretation zu einem stimmigen Gesamtkunstwerk.

Natürlich stand Reubkes Sonate programmatisch neben Liszt. Aus dessen Werk hatte der Wahlwiener Professor Klaus Sticken die „Trauergondel Nummer 2“ gewählt, bestrickte dabei mit großer Sensibilität, entfaltete Gefühl, Stimmung wie auch bildhafte Eindrücke aus Venedig. Die Komposition entstand wenige Wochen vor Richard Wagners Tod, da Liszt in Venedig weilte. Durchaus auch von Widersprüchen getragen ist „Trauergondel“, von Fassungslosigkeit, unterdrückten Tränen und auch Zorn geprägt. Sticken arbeitete die Palette der Stimmungen heraus, wird das winterliche Venedig zum morbiden Bild, die Gondel zum Totenschiff und die Wellen, die an die Gondel schlagen zum schmerzlichen Rhythmus verbleibender Zeit. Sticken bescherte glänzend vermittelte schwere Kost ohne der Gefahr pianistischen Pathos zu erliegen.

Mit Joseph Haydns „Andante con variazioni für Klavier f-moll Hob/XVII/6“ ins Programm zu gehen, erwies sich als gute Wahl, zumal Sticken sich damit substanziell auf Linie befand und darauf fulminant Beethovens Klaviersonate c-Moll entfalten konnte.

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