Bis aufs Blut gequält: Am Freitag gibt's das Urteil

Lüdenscheid - „Äußerst brutaler Schwerkrimineller“, „Mafia“, „Selbstjustiz“ oder „Freude am Quälen“ – die Staatsanwältin spart nicht mit kräftigen Vokabeln, wenn sie die mutmaßlichen Verbrechen des 28-jährigen Russlanddeutschen bewertet. Die beiden Plädoyers vor der 9. Strafkammer des Landgerichts könnten entgegengesetzter kaum sein.

Die Kölner Strafverteidigerin Lena Retschkemann lobt die Kammer zwar für ein „faires Verfahren“, hat aber offenbar keine Hoffnung, ihren Mandanten vor den schwersten Vorwürfen schützen zu können. Sie habe mit einem Antrag der Staatsanwaltschaft auf acht Jahre Gefängnis gerechnet, sagt die Rechtsanwältin. Mehrfach habe sie sich in dem sieben Monate dauernden Prozess gefragt: „Warum weiter kämpfen?“ Die Staatsanwältin habe ein „sehr gutes Plädoyer“ gehalten und „nichts vergessen“.

Junge Männer wurden bis aufs Blut gequält, regelrecht gefoltert. Sie wurden gezwungen, Handyverträge abzuschließen und ihrem Peiniger neue Smartphones zu überlassen. Sie wurden entführt, festgehalten, zu Sklavenarbeit gezwungen, geprügelt und gedemütigt. Einer erlitt Brandwunden im Gesicht, durch einen glühenden Tauchsieder. Ein anderer bekam eine volle Wodka-Flasche über den Schädel. Es hagelte Drohanrufe. Verängstigte Opfer tauchten ab, zogen von Lüdenscheid weg, teils bis nach Stade. Aber kaum einer ging zur Polizei.

„Unzählige Zeugen“ haben laut Retschkemann selbst eine kriminelle Vergangenheit und Verfahren am Hals, einzelne haben sich an Misshandlungen beteiligt und von den Erpressungen profitiert. Rädelsführer der mafiösen Umtriebe soll der äußerlich brav wirkende Angeklagte sein. Folgt man der Anklage, dann ist die Frage der Verteidigerin längst beantwortet, die ihr Plädoyer mit den Worten einleitete: „Wer sitzt hier neben mir? Ein Monster? Oder das Opfer eines Komplotts?“

Wie zu erwarten, spricht die Strafverteidigerin auch ausführlich über die Familie ihres Mandanten – und darüber, dass er sich um Frau und Kinder kümmert, den todkranken Stiefvater pflegt und regelmäßig einer Arbeit nachgeht. „Ihm ist klar, dass sein Leben nun eine negative Wendung bekommt und er nicht mehr für seine Lieben da sein kann.“

Am Freitag um 11 Uhr wird das Urteil am Landgericht verkündet.

Olaf Moos

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