Unmut bei Impfwilligen und Ärzten

Aufhebung der Impf-Priorisierung im MK: Wo es noch Termine gibt

Drive-in-Impfaktion in Meerbusch
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Ein Mitarbeiter spritzt bei einer Drive-in-Impfaktion eine Dosis Impfstoff von Johnson & Johnson in den Arm eines Mannes (Symbolbild).

Lüdenscheid – Mehr als 47 Prozent der Einwohner des Kreises haben bereits eine Corona-Erstimpfung erhalten. Mit der Aufhebung der Impfpriorisierung am Montag zog die Nachfrage noch einmal spürbar an, da sich nun fast alle Bürger um einen Impftermin bemühen dürfen.

Eine Bestandsaufnahme am Montag machte jedoch deutlich: Die Ankündigungen des Bundesgesundheitsministeriums haben mit der Realität vor Ort nichts zu tun. Am Montag gab es im Märkischen Kreis weder mehr Termine, noch mehr Impfdosen oder mehr Erstimpfungen, dafür aber viele verärgerte Impfwillige.

„Natürlich probiert es jetzt jeder“, zog Heike Achtermann, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), am Nachmittag eine erste Bilanz. Das führe in den Arztpraxen zu noch mehr Nachfragen, „die in den meisten Fällen nicht zu den gewünschten Antworten führen“, berichtet Achtermann. Dies erhöhe den Frust auf beiden Seiten – sowohl bei den Praxismitarbeitern als auch bei den Impfwilligen. Weil der Impfstoff derzeit besonders knapp ist, sei der Zeitpunkt für die Aufhebung der Impfpriorisierung „eher suboptimal“.

KVWL-Kritik: „Aus unserer Sicht ist es fahrlässig, den Menschen zu suggerieren, jeder könne sich nun impfen lassen, ohne zu erwähnen, dass der Impfstoff weiterhin stark rationiert wird. Das weckt Erwartungen, die die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte nicht ansatzweise erfüllen können“, hatte die KVWL bereits am Freitag angesichts des akuten Impfstoffmangels gewarnt. KVWL-Sprecherin Achtermann sprach gegenüber unserer Zeitung am Montag von einer Verlagerung der Priorisierung in die Arztpraxen, denn die Ärzte müssen auch weiterhin individuelle medizinische Kriterien in den Vordergrund stellen. In der Risikoabwägung werden sie eher einen 54-Jährigen mit Vorerkrankungen zum Impftermin bitten als eine kerngesunde Sportlerin. Die KVWL bittet daher ausdrücklich darum, die Entscheidungen der Ärzte zu respektieren. Die Druck-Situation in den Arztpraxen wird noch dadurch verschärft, dass die Impfzentren in Lüdenscheid und Iserlohn pünktlich zur Aufhebung der Priorisierung praktisch keine Erstimpfungen mehr durchführen. Der Märkische Kreis beantwortete am Montag die Fragen unserer Redaktion:

Können sich die Bürger in den Impfzentren weiterhin impfen lassen?

In NRW ist am Montag die Impfpriorisierung aufgehoben worden. Demnach könnten Bürger theoretisch – unabhängig von einer Priorisierungsstufe oder vom Alter – im Impfzentrum des Märkischen Kreises Termine vereinbaren. Aktuell sind Buchungen aber leider nicht möglich. Aufgrund der sehr begrenzten Impfstoffmenge, die das Land NRW den Impfzentren bis weit in den Juni hinein zur Verfügung stellen wird, können im Impfzentrum MK bis auf Weiteres keine Erstimpfungen durchgeführt werden – und demnach vorerst ausschließlich Zweitimpfungen erfolgen. Die Impfstellen des Märkischen Kreises warten auf konkrete Zusagen vom Land NRW, wann weiterer Impfstoff zugewiesen wird und folglich Termine über die KVWL-Hotline (0800 116 117 02) oder im Internet (www.116117.de) gebucht werden können.

Werden Bürger, die in die bisherigen Priorisierungsgruppen fallen, aber noch keinen Termin erhalten haben, weiterhin bevorzugt geimpft?

Nein. Mit der bundesweiten Aufhebung der Impfpriorisierung endet zunächst auch die Einordnung in Priorisierungsgruppen. Menschen, die aufgrund der bisherigen Priorisierungsregeln bereits einen Impftermin haben, können diesen selbstverständlich wahrnehmen.

Hat der Märkische Kreis sein eigenes Terminbuchungsportal eingestellt?

Ja. Das Buchungssystem des Märkischen Kreises ist eingestellt worden. Terminvereinbarungen sollen nach dem Willen des Landes ausschließlich über eine zentrale Plattform – die der KVWL – erfolgen. Das Buchungsportal des Kreises wird nur noch für die Verwaltung von Zweitterminen verwendet – nicht mehr als Terminbuchungsprogramm.

Betriebsärzte: Zeitgleich mit der Aufhebung der Impfpriorisierung dürfen sich seit Montag auch die Betriebsärzte an der Impfkampagne beteiligen. Im Arbeitsmedizinischen Zentrum (AMZ) Lüdenscheid im Hanns-Martin-Schleyer-Haus in Lüdenscheid wurde am Nachmittag eine Impfstraße für die Beschäftigten aus den rund 400 Mitgliedsbetrieben unter anderem aus Lüdenscheid, Meinerzhagen und Halver eingerichtet. Der Premierentag wurde für einen Testlauf genutzt, bei dem sechs Personen geimpft wurden. Ab Dienstag (8. Juni) impft das Ärzte-Team des AMZ dann im Akkord. 78 Impfwillige haben sich für heute angekündigt, bis zum Ende der Woche sollen 300 Beschäftigte mit dem Biontech-Impfstoff versorgt sein. Alle Termine sind vergeben. Für die kommende Woche hat der Ärztliche Leiter, Dr. Rainer Quakulinski-Berninghoff, 400 Impfdosen bestellt.

Voraussichtlich am Donnerstag werden die neuen Termine auf der Internetseite www.amz-luedenscheid.de freigeschaltet. Voraussetzung für die Buchung ist, dass die Impflinge Beschäftigte in einem Mitgliedsbetrieb sind. „Aufgrund der personellen und strukturellen Bedingungen wird das AMZ keine Impfungen vor Ort in den Betrieben durchführen. Stattdessen gibt es die Impfstraße“, erklärt Dr. Quakulinski-Berninghof.

Ziel ist die Gleichbehandlung aller Mitgliedsbetriebe vor dem Hintergrund knapper Impfstoff-Ressourcen. „So hat jeder die Chance, einen Impftermin zu bekommen, egal, ob er in einem kleinen Betrieb arbeitet oder bei Kostal“, sagt der Arbeitsmediziner. Die Mitgliedsbetriebe haben rund 35 000 Mitarbeiter, etwa 12 000 bis 15 000 davon sind nach Schätzungen des Experten „impfwillig und ungeimpft“. Angesichts von maximal 500 durchführbaren Impfungen pro Woche im AMZ empfiehlt Dr. Quakulinski-Berninghoff den Impfwilligen in den Unternehmen, in den nächsten Wochen auch die anderen Impfmöglichkeiten bei den niedergelassenen Ärzten oder in den Impfzentren zu erwägen.

Busch-Jaeger: Es gibt auch Unternehmen, die eigene Impfstraße einrichten. Dazu zählt nach eigenen Angaben der Lüdenscheider Schalterhersteller Busch-Jaeger (1.300 Mitarbeiter). Bislang wurden demnach 195 Mitarbeiter von niedergelassenen Ärzten mit Astrazeneca geimpft – davon 100 am Standort Lüdenscheid, 95 in Bad Berleburg-Aue. Sie fielen in eine der bisherigen Prioritätengruppen. Eine weitere Umfrage hatte ergeben, dass darüber hinaus circa 160 Beschäftigte an einer Impfaktion bei Busch-Jaeger teilnehmen würden. „Es wurden über die betriebsärztlichen Kontingente ausreichende Mengen geordert. Leider gibt es bis dato (07.06.; 13 Uhr) noch keine Informationen zu den tatsächlich verfügbaren Mengen. Die Impfungen finden jeweils im Werk in einer speziell eingerichteten Impfstraße statt. Der genaue Zeitpunkt wird gegebenenfalls auch sehr kurzfristig festgelegt, sobald weitere Kontingente verfügbar sind“, heißt es auf Anfrage aus dem Unternehmen.

Verwaltungen: Kreis- und Stadtverwaltung verweisen ihre noch nicht geimpften Mitarbeiter nun an das AMZ. Der Märkische Kreis erklärt, dass „gemäß den bislang gültigen Priorisierungskategorien etwa 30 Prozent der Mitarbeiter“ geimpft sind. Nicht bekannt sei die Zahl der Impfungen, die über die jeweiligen Hausärzte erfolgt sind. Die Stadt Lüdenscheid teilt auf Anfrage mit, dass Beschäftigte zum Beispiel der Feuerwehr oder des Ordnungsdienstes priorisiert geimpft wurden.

Dazu gehören nach Stadtangaben auch die Mitglieder des „erweiterten Krisenstabs“, dem in Lüdenscheid immerhin 55 Verwaltungsmitarbeiter angehören. Zudem hat die Stadt allen Mitarbeitern in Abstimmung mit dem Personalrat eine Bestätigung zukommen lassen, mit der sie bei ihrem Hausarzt nachweisen konnten, dass sie in einer öffentlichen Verwaltung tätig sind. „Auf diesem Weg oder über die persönlichen Faktoren konnte sich bereits ein großer Teil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter impfen lassen“, erklärt Stadtsprecherin Marit Schulte.

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