"Rettungseinsatz" für die alten Schätze

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Archivare aus Münster, Meinerzhagen, Werdohl, Iserlohn, dem Archivverbund Herscheid-Lüdenscheid-Schalksmühle und Lüdenscheid waren an der Übung beteiligt.

Lüdenscheid - Eine Unmenge Wasser ist über die historischen Dokumente in der Kerksighalle hereingebrochen und droht, die wertvollen Archivalien zu zerstören. Mit diesem fiktiven Szenario beschäftigten sich am Dienstag Archivare aus dem Kreisgebiet, die in Lüdenscheid an einer Katastrophenschutzübung teilnahmen.

Von Jutta Rudewig

Einweghandschuhe, Ärmelschoner, rollenweise Plastikfolie und ein ziemlich glitschiges, weinrotes Reichsbesoldungsbuch. Christel Esselmann und Birgit Geller haben das Buch, das definitiv schon bessere Tage gesehen hat, zusammen mit allerlei anderen Archivalien mitgebracht. Die beiden Frauen sind diplomierte Papierrestauratorinnen des Landschaftsverbands Westfalen Lippe. Der angenommene Fall: Eine Flut von Lösch-, wahlweise Regen- oder Leitungswasser ist über die historischen Dokumente in der Kerksighalle hereingebrochen und droht, die Archivalien zu zerstören.

Filme, Dokumente, Karten, Bilder – wie viel Archivmaterial Lüdenscheids Stadtarchiv wirklich hinter seinen Mauern birgt, weiß niemand so genau. „Dreieinhalbtausend laufende Meter, wenn’s jemandem hilft“, sagt Stadtarchivar Tim Begler augenzwinkernd.

Er hat die Archivare aus dem Kreisgebiet an diesem Morgen nach Lüdenscheid gebeten, um an der Katastrophenschutzübung teilzunehmen. Zwei- bis dreimal im Jahr reisten die beiden Restauratorinnen durchs Land, um Archivare mit der Praxis vertraut zu machen – was wäre, wenn?

Birgit Geller und Christel Esselmann sind diplomierte Papierrestauratorinnen beim LWL.

„Am 28. Juli in Münster“, antwortet Birgit Geller spontan auf die Frage, wann eine solche Katastrophe das letzte Mal passiert sei. Bei dem Gewittersturm über dem Münsterland sei zwar nicht das Archiv in Mitleidenschaft gezogen worden, aber die Akten der Stadtverwaltung. Diese vor dem Verfall zu retten, gehört auch zu den Aufgaben des Damen-Duos.

Während die „Daimler Werkszeitung von 1919“ triefnass sorgsam in Folie eingeschlagen und in einer Rettungsbox für Archivalien verstaut wird, zeigt Birgit Geller den weiteren Weg auf. Das von der Zerstörung bedrohte Gut wird tiefgefroren. Bis zu einem Kubikmeter kann man beim LWL-Archiv selbst lagern. Ist mehr Platz vonnöten, wird Kontakt mit der Lebensmittel verarbeitenden Industrie aufgenommen.

Ähnlich wie beim Kaffeeröster wird dem Archivgut per Gefriertrocknung die Feuchtigkeit entzogen. „Danach kann es wieder zurückgegeben werden“, so Geller, während die Archivare am Nachbartisch ratlos vor einer großen, historischen Karte stehen, die nicht in die vorbereitete Folie passen will. „Das ist jetzt der Moment, wo Sie jemanden losschicken, um neues Material zu holen“, sagen die Restauratorinnen schmunzelnd.

Seit den 80er-Jahren befasst man sich beim LWL mit der Methode des Gefriertrocknens und hat sie nach und nach verfeinert. Und auch, wenn ein solcher Katastrophenfall nie eintritt – zumindest für den „Fall der Fälle“ ist man in Lüdenscheid bestens gerüstet.

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