Zum Tag der Arbeit ein Ruf nach Fairness

Mit wehenden Fahnen gingen die Gewerkschafter durch die Stadt. Aus Iserlohn waren indes nur wenige hinzugekommen.

LÜDENSCHEID – Trotzig und kämpferisch in der Sache, fröhlich und freundlich beim Drumherum: Der Deutsche Gewerkschaftsbund setzte mit seiner Maifeier, die am Sonnen-Sonntag erstmals nur in Lüdenscheid für den gesamten Märkischen Kreis begangen wurde, ein Ausrufezeichen – auch wenn der Rathausplatz kaum voller war als sonst. Ungebetene, aber angekündigte Gäste aus dem rechtsradikalen Spektrum wurden nicht gesichtet, stattdessen war die Maifeier unter dem Motto „Das ist das Mindeste: Faire Löhne, gute Arbeit, soziale Sicherheit“ international, bunt und friedlich.

Sie setzte zudem klare Akzente gegen den „braunen Sumpf“, nicht zuletzt, als der IG-Metall-Bevollmächtigte Bernd Schildknecht im Angesicht des einstigen Gewerkschaftshauses an die Verfolgung der damaligen Arbeitervertreter durch die Nazis erinnerte – und zum Sammeln für die geplante Gedenkstätte für NS-Opfer in den Zellen des Alten Rathauses aufrief.

Die Gewerkschaften zeigten einmal mehr, dass sie beides sind: Dienstleister und Kampforganisation. So war auch diese Maifeier Kundgebung und Familienfest zugleich. Während am Stand der Aleviten die bekannt leckeren Spießchen dufteten, kündigte Schildknecht für die insolvente Firma Jung, Boucke in Halver einen „Kampf um den Standort“ an. Während die Jugendfeuerwehr um Antje Seidel und der Löschzug Oberrahmede viele Kinder in ihren erstmals ausgestellen Feuerwehrautos fotografierten, forderte Verdi-Kreisvorsitzender Josef Filippek „eine soziale und gerechte Gestaltung der jetzt einsetzenden Arbeitnehmerfreizügigkeit, die Lohndumping verhindert“ – und einen Mindestlohn von 8,50 Euro.

Wie Schildknecht knöpfte sich Filippek auch Lüdenscheider Probleme vor. Während die Stadt auf die Ausbildungsmisere in den 1980er Jahren mit mehr Lehrstellen reagiert habe, sei ihr Angebot in den letzten Jahren drastisch abgebaut worden. Dass Jahr für Jahr viele Kinder von der Reichwein-Gesamtschule abgewiesen werden müssen, nannte Filippek einen Skandal. Er forderte mehr Ganztag auch in Kitas und Schulen, zudem mehr und besser bezahltes Personal in Krankenhäusern und Altenheimen.

Bernd Schildknecht bezeichnete den Bau der Komfortstation für besser Betuchte am Kreiskrankenhaus Hellersen als „Stilblüte einer verfehlten Gesundheitspolitik“. Das sei gefälligst zurückzunehmen: „Die sollen stattdessen Steuern und Abgaben von ihrem gesamten Eunkommen bezahlen wie alle anderen auch!“ Dafür erhielt der IGM-Chef auf dem Rathausplatz großen Beifall.

Zum Auftakt am Mittag hatte Metaller-Sekretär Thorsten Schnabel dort den Demozug begrüßt, der unter den Trommelklängen der Gruppe „Afro-Sininkan“ am Kreishaus losmarschiert war – mittendrin die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Crone und MdL Gordan Dudas. Pfiffig zeigte die Gewerkschaftsjugend im Zug, was sie von der Rente mit 67 hält. Da wurde ein Sarg mit der Aufschrift: „Schuften bis Grab – und kein Start ins Berufsleben für Junge“ von (kostümierten) Greisen mit wehenden Bärten über Heedfelder- und Weststraße bis ins Ziel geschleppt.

Als alle am Rathaus waren, übernahm Bürgermeister Dieter Dzewas das Mikrofon – und entschuldigte sich als BVB-Fan erstmal für seine brüchige Stimme. Die Meisterschaft der Schwarzgelben ließ grüßen. Dann wurde Dzewas ernst: „Wir als Städte haben es als Ausfallbürgen auszubaden, wenn dank der Rekordzahlen in der sozialversicherungslosen Beschäftigung im Alter viele ohne anständige Rente dastehen!“ Erneut forderte Dzewas für die Städte eine bessere Finanzstruktur. Freundlicher Applaus begleitete ihn von der Bühne. Die folgende Kritik der Mairedner auch am Handeln der Stadt Lüdenscheid dürfte dem Sozialdemokraten indes nicht entgangen sein.

Auffallend war zudem ein riesiges Transparent der „Betriebsgruppe Johanneswerk“. Damit zeigten die Gewerkschafter, dass bei Kirche, Diakonie und Caritas statt der Kopplung an die Tarife des öffentlichen Dienstes heute „arbeitsrechtliche Kommissionen“ über die Einkommen befinden. Im Johanneswerk seien davon 400 Beschäftigte der Märkischen Werkstätten, des Johannes-Busch-Hauses und der Waldheimat in Rönsahl betroffen, sagte Landessekretär Michael Pottgießer.

Thomas Hagemann

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