Als ob er zur Arbeit gehen wollte

Lüdenscheid - Strafverteidiger Frank-Peter Rüggeberg hatte seinem Mandanten empfohlen, vor dem Prozess eine Zahnbürste und Wechselwäsche einzupacken. Auf bewaffneten Raub stehen nämlich mindestens fünf Jahre Gefängnis. Doch der Angeklagte (55) brauchte sein Täschchen dann doch nicht. Acht Monate mit Bewährung verhängte die 9. Strafkammer des Landgerichts Hagen gegen ihn.

Von Olaf Moos

Das hat der Mann aus Werdohl drei Polizisten zu verdanken. Sie schwänzen den Prozess. Belastende Einsatzprotokolle bleiben ungeprüft – im Zweifel für den Angeklagten.

Tathergang und Fluchtverhalten wollen überhaupt nicht zu dem Typen auf der Anklagebank passen. Übergewichtig ist er, „Rücken“ hat er, schwerhörig, asthmakrank, depressiv und Diabetiker ist er. Schwer auf einen Stock gestützt betritt er den Gerichtssaal und blinzelt Richter Till Deipenwisch durch dicke Brillengläser an.

Dieser Mann also soll vor einem dreiviertel Jahr in der leerstehenden Schraubenfabrik Beißner an der Bräuckenstraße einen ganzen Tag lang Kupferrohre von der Decke montiert, sie auf Länge geknickt und für den Abtransport gebündelt haben? Und dieser Mann soll vor dem neuen Besitzer der Hallen, einem schlanken 35-Jährigen, davongerannt sein? An Siku vorbei und die halbe Schlittenbacher Straße hoch?

Ja, sagt der Angeklagte. „Das stimmt soweit alles.“ Er habe keinen Ausweg mehr gesehen, nachdem zuerst seine Brille und dann seine Waschmaschine kaputtgegangen seien. „Bei der Arge wollten sie mir kein Geld für Ersatz geben.“

Also packt er am Morgen des 7. Juli eine Thermoskanne Kaffee, ein paar Butterbrote und seine Zigaretten ein und fährt zum Bräucken. „So als wenn Sie richtig zur Arbeit fahren wollten“, kommentiert Richter Deipenwisch. Den ganzen Tag schuftet er, schichtet seine Beute auf, macht einige Pausen. „Das war ja Schwerstarbeit.“ Bis der Eigentümer auftaucht. Der erinnert sich daran, dass der Täter „eigentlich nur noch weg“ wollte. Und „irgendwas aus der Tasche“ holen wollte.

Bei der Festnahme finden die Polizeibeamten dann ein Taschenmesser in der Jacke des Verdächtigen. Also ein gefährliches Werkzeug im rechtlichen Sinne, also eine Waffe. Und bringen sie mit dem Diebstahl in Verbindung. Und schreiben ins Protokoll, dass der 35-Jährige gesagt habe, der Dieb „holte ein Messer raus und fuchtelte vor mir herum“. Bloß: Der Zeuge bestreitet, das gesagt zu haben. Der Angeklagte: „Da war nichts mit einem Messer.“

Die Polizisten könnten erklären, ob und wie es zu der Aussage gekommen ist. Wenn sie der Ladung des Gerichts gefolgt wären. Sind sie aber nicht. Selbst Rechtsanwalt Rüggeberg ist verblüfft. So leicht hat er selten einen Mandanten rausgehauen.

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