Größere Schäden als nach Kyrill

Apokalyptische Bilder: So sieht es aus, wenn der Wald stirbt

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Lüdenscheid - Der aufgeweichte Boden schmatzt mit jedem Schritt unter den Füßen. Die Wege im Wald sind teilweise matschig durch den Regen der letzten Tage. Trotzdem ist es nicht nass genug im Wald für die Natur und deshalb haben die Bäume keine Kraft, sich gegen die Borkenkäfer zu wehren. Die Konsequenz: Sie sterben.

Die nasse Schicht beträgt nur etwa fünf Zentimeter, mehr nicht. Darunter ist es staubtrocken. „Es müsste bis März durchregnen, um die Reserven der Bäume wieder aufzufüllen“, sagt Marcus Teuber, Leiter des Forstbetriebsbezirkes Lüdenscheid. Je besser das Wetter, desto schlimmer wird es mit der Borkenkäferplage und dem Befall der Fichten. Durch die Trockenheit sind die Bäume schwach und produzieren weniger Harz. Denn wenn der Baum genügend Saft hat, schafft der Borkenkäfer es nicht, sich einzubohren.

Ein Drittel des Waldes ist bereits nachhaltig beschädigt oder schon tot. 17 Waldbrände habe es im letzten Jahr gegeben und 14 Hektar Wald wurden dadurch beschädigt. „Aber was wir hier sehen, ist genauso wie ein Waldbrand, ein biologischer Waldbrand“, erklärt Marcus Teuber der CDU-Kreistagsfraktion bei einer Begehung des Lüdenscheider Waldes. Die Folge: Sowohl als Wirtschaftsfaktor, Lebensraum für Tiere und Pflanzen, als auch in seiner Funktion als „Klimaschützer“ fällt der Wald für 20 bis 30 Jahre weg. Denn so alt müssen die Bäume sein, um in gleicher Höhe Kohlenstoff zu speichern, wie es der Wald übernahm, bevor durch den Käferbefall eine Freifläche entstand.

In der Rinde sind die Wege der Borkenkäfer deutlich zu erkennen.

Die Gruppe steht oben auf dem Vogelberg, rund herum sind Wald, Wiesen und Felder. Im Hintergrund ist der Turm des Kraftwerkes Elverlingsen zu sehen. Dort oben sieht der Wald auf den ersten Blick in Ordnung aus. Einzelne Bäume sind gefällt. Marcus Teuber und Jörn Hevendehl, Forstamtsleiter beim Regionalforstamt Märkisches Sauerland, machen deutlich: Das ist noch harmlos.

Schlimmer als nach einem Waldbrand - alle Fotos hier

Wenig später ändert sich der Anblick. Die CDU steht auf einem Nordhang, der komplett kahl ist. Kein einziger Baum steht mehr. Nur braune trockene Erde und Baumstümpfe sind übrig geblieben. Sie sind umringt von brauner Rinde, in der deutlich die Wege zu erkennen sind, die die Borkenkäfer darin gezeichnet haben. Das Ausmaß des biologischen Waldbrandes. 12 000 Festmeter Holz, 20 Hektar Wald, sind an dieser Stelle betroffen. Eine Maschine und fünf Personen waren für die Rodung nötig. Es ist die Folge von zwei Jahren extremer Trockenheit. Insgesamt wurde in Lüdenscheid das drei- bis vierfache des jährlichen Hiebsatzes gefällt.

Mehr Schadholz als bei Kyrill

Auf der gegenüberliegenden Seite des Tals sieht es noch ganz anders aus – große Flächen Wald prägen das Bild. So hat es vor fünf Wochen auch noch auf dem Nordhang ausgesehen. „Das ist das, was der Borkenkäfer in vier Wochen schafft“, erklärt Teuber. Auch gegenüber sind allerdings schon braune Bäume zu erkennen – und nicht gerade kleine Flächen – die darauf hinweisen, dass es auch dort bald ähnlich wie am Nordhang aussehen wird. Denn alles was braun ist, ist vom Borkenkäfer befallen.

Die Population der Borkenkäfer wächst in den letzten zwei Jahren exponentiell. „Und der Zustand wird in den nächsten fünf bis sieben Jahren anhalten. Wir haben noch nicht die Spitze des Berges erreicht, sondern das ist erst der Anstieg“, warnt der Leiter des Forstbetriebsbezirkes. Kyrill sei ein extremes Ereignis gewesen, aber das Problem sei jetzt noch größer. Schon Mitte September gab es mehr Schadholz als bei Kyrill.

Privatpersonen betroffen

Es ist kein Staatswald und gehört auch nicht der Stadt, sondern auch kleinste Privatwälder wie hier sind von den Schäden betroffen. „Das war mein Erbe. Der Wald war als meine Altersvorsorge gedacht. Das hat sich erledigt“, sagt Waldbesitzerin Britta Herberg. Trotzdem sei sie motiviert, wieder etwas aufzubauen. Schließlich müsse an die nächste Generation gedacht werden und ohne Wald gibt es kein Leben. Auch Christiane Hüttebräucker geht die Situation sehr nah. Sie besitzt zehn Hektar Wald und dieser sei durch den Borkenkäfer schon um die Hälfte erleichtert worden.

Marcus Teuber (rechts) zeigt der CDU-Kreistagsfraktion, wie es zukünftig im Wald aussehen wird.

Maximal ein halbes Jahr Zeit bleibt den Waldbauern, um das kranke Holz zu bergen oder zu verwerten. Danach ist es als Totholz zu betrachten. Da der deutsche Holzmarkt übersättigt ist, werden die betroffenen Bäume zum Großteil als Bauholz an den asiatischen Markt verkauft. 5000 Festmeter werden drei Wochen transportiert. 40 Euro pro Baum bekommt der Waldbauer, 25 Euro davon sind für die Erntekosten entfallen, sodass noch 15 Euro übrig bleiben. Allerdings ist der Wald davon nicht wieder aufgeforstet. Diese Kosten fehlen noch in der Rechnung. Ganz zu schweigen von der Frage, mit was für Bäumen im Hinblick auf den Klimawandel aufgeforstet werden sollte.

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