Strafanzeige nach Kampf auf Leben und Tod

+
Stanislaw Parimski und Thomas Jabss (rechts) fürchteten um ihr Leben.

LÜDENSCHEID - Der 17-jährige Lüdenscheider Thomas Jabss hat nach der Loveparade am Montag Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Er war bei der Massenpanik verletzt worden.

Thomas Jabss will, dass diejenigen, die für die Tragödie von Duisburg verantwortlich sind, zur Rechenschaft gezogen werden. Er war selbst auf der Zugangsrampe zum Loveparade-Gelände, auf der die Panik ausbrach, die 20 Menschen das Leben kostete und fast 350 ihre Gesundheit. Der 17-jährige Lüdenscheider erinnert sich an einen „Kampf auf Leben und Tod“. Am Montag hat er Anzeige erstattet. Gegen Unbekannt.

Nische wird zur tödlichen Falle

Mit dem Auto waren Thomas Jabss und sein Freund Stanislaw Parimski nach Duisburg gefahren. Schon auf dem Fußweg von der Innenstadt zum Festgelände habe viel Gedränge geherrscht. „Aber das ging noch.“ Am Ende des Tunnels sahen die Freunde eine kleine Treppe: „Wir dachten uns, das ist eine Abkürzung.“ Falsch gedacht. Denn die Nische wurde zur tödlichen Falle.

Innerhalb kürzester Zeit sei der Bereich vor der Treppe voller Menschen gewesen. Thomas Jabss erinnert sich an „zwei Wände aus Menschen“, die plötzlich aufeinander zugeströmt seien. Es wurde eng und enger. „Ich konnte gar nichts mehr bewegen, nicht mal einen Arm.“ Obwohl er nur wenige Schritte von der Treppe entfernt war, erreichte er sie nicht. Sie war so nah und doch so fern.

„Wir lagen wie Dominosteine aufeinander“

Schreckliche Szenen spielten sich um ihn herum ab. Thomas Jabss sah, wie Menschen eingequetscht wurden, nach Luft schnappten, ohnmächtig wurden. „Wir lagen wie Dominosteine aufeinander.“ Dann habe jemand geschrieen, dass eine Frau tot sei. „Da brach Panik aus und ein Kampf um Leben und Tod. Die Leute haben getreten und gebissen. Es war erschreckend, dass jeder nur an sich gedacht hat.“

„Ich dachte, ich werde das nicht überleben“

Wie sah es in ihm selbst aus? „Ich hatte Angst. Ich dachte, ich werde das nicht überleben.“ Lange dauerte es, bis sich Thomas Jabss aus der Enge befreien konnte, wie lange genau, kann er gar nicht sagen. Sein Zeitgefühl war ausgeschaltet. „Es hat wahnsinnig lange gebraucht, bis sich der Pulk auflöste. Ich war mindestens eine Stunde lang eingequetscht“, schätzt er. Die Bilder der vielen leblosen Körper, die er anschließend sah, werden ihm wohl noch lange im Gedächtnis bleiben. „Ich denke da viel drüber nach. Das hätte auch ich sein können.“

Bisswunden im Klinikum Hellersen behandelt

Seinen Freund hatte der 17-Jährige im dichten Gedränge aus den Augen verloren. Erst viel später fanden sich die beiden wieder. Der Freund blieb unverletzt. An Feiern war für beide nicht mehr zu denken. Noch Samstagnacht fuhr Thomas Jabss ins Klinikum Lüdenscheid, um seine Biss- und Schürfwunden behandeln und dokumentieren zu lassen.

Am Montag dann hat er bei der Polizei in Lüdenscheid Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Wie Polizeipressesprecher Dietmar Boronowski gestern bestätigte, handelt es sich bislang um die einzige Anzeige, die im Märkischen Kreis erstattet worden ist. - acn

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare