Anruf aus Thessaloniki - Schwere Vorwürfe vor Gericht

Lüdenscheid - Es ist dem Ermittler anzumerken: Den blassen 32-Jährigen hinter Gitter gebracht zu haben, das reicht ihm nicht. Zu schwer wiegen die Vorwürfe gegen dessen Komplizen, als dass man nach dem aktuellen Prozess einfach zur Tagesordnung übergehen könnte. Aber „Vassili“ ist nach Thessaloniki abgehauen. Ein Auslieferungsverfahren ist kompliziert.

Das ahnt der Gesuchte wohl auch selbst. Er traut sich deshalb, seinen „Jäger“ bei der Polizei an der Bahnhofstraße anzurufen. Der Kripo-Mann berichtet im Zeugenstand von dem Telefonat. „Er schrie mich an. Er würde zehn Jahre in Griechenland bleiben und erst dann zurückkehren, ausgeliefert werde er sowieso nicht.“ Und der Anrufer habe „Mein Leben ist im Arsch“ gesagt – und seinen in U-Haft schmorenden Kumpel belastet. „Der war bei dem Einbruch dabei.“ Das bestreitet der Angeklagte nach wie vor.

Er bestreitet aber auch, viel mehr als nur ein passiver Mitläufer „Vassilis“ gewesen zu sein. Ob zu Recht, ist noch nicht geklärt. Denn der Ermittler hat mehrfach mit der jungen Frau gesprochen, die nach der verunglückten Kokain-Entsorgung so arg unter Druck geraten war. „Sie hatte den Eindruck, dass der Angeklagte der Anführer ist und einen gravierenden Anteil an den Straftaten hatte.“ Möglicherweise habe „Vassili“ die Dose Kokain, die später im Klo verschwand, zuvor sogar von dem 32-Jährigen erhalten und „musste für ihn schleunigst die verlorene Kohle auftreiben“.

Der Angeklagte gibt sich unterdessen, mit tatkräftiger Hilfe seines Verteidigers Matthias Meier aus Dortmund, alle Mühe, einen sicheren Platz „in der zweiten Reihe“ der Verdächtigen zugeteilt zu bekommen. Aus den Reihen der Polizei heißt es jedoch, auch Figuren wie „Vassili“ könnten nur dann ihr Unwesen treiben, wenn sie Helfer haben, die für sie die Drecksarbeit machen und ihnen den Rücken freihalten.

Das Vorstrafenregister des Lüdenscheiders zumindest spricht dafür, dass er vielseitig interessiert ist. Richter Dr. Christian Voigt blickt auf gerade einmal sechs Einträge, die es aber zum Großteil in sich haben. Darunter sind Betrügereien mit Internet-Auktionen genau so wie Urkundenfälschung, Sachbeschädigungen oder Falschaussage – oder organisierte Autobumsereien zu Lasten einer Versicherung. Gewalt- oder Drogendelikte finden sich in seinem Registerauszug nicht.

Warum jemand so auf die schiefe Bahn gerät, das haben schon ganze Richter-Generationen zu ergründen versucht. Oft genug wird ihnen ein Bündel von Erklärungen zu schwerer Kindheit, unsteter Jugend, beruflichem Versagen oder schlechtem Umgang präsentiert. So auch diesmal. Dazu ein Aspekt, der vielleicht nichts entschuldigt, aber laut Richter erwähnenswert ist: Der Vater des Angeklagten sitzt in Griechenland eine lebenslange Gefängnisstrafe ab – wegen vorsätzlichen Mordes.

Olaf Moos

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