Erweiterten Schöffengericht

Angst vor Rockern? Frau verkauft Cabrio ihrer Freundin - ohne deren Wissen

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Die Angeklagte, so die Behauptung, sei von einer Rockerbande erpresst und gezwungen worden, immer wieder Geld zu beschaffen und abzuliefern. (Symbolfoto)

Dicke Luft im Saal 125. Der Prozess gegen eine Fahrlehrerin (35) wegen zigfachen Betruges hatte am 17. Februar begonnen. Dann wurde der Richter krank.

Lüdenscheid - Die Unterbrechung dauerte zu lange, die Hauptverhandlung muss von vorn beginnen. Doch das ist nicht der Grund für die schlechte Stimmung. Für die sorgt unter anderem Rechtsanwalt Philipp Muffert aus Köln. 

Nach viereinhalb Stunden teils quälender Diskussion fasst der Vorsitzende des Erweiterten Schöffengerichts, Andreas Lyra, zusammen: „Wir sind ungefähr auf dem Stand wie zu Beginn des Prozesses.“ Dabei ist die Schuldfrage unstrittig. 

Schon vor drei Monaten hatte die auffällig tätowierte Angeklagte ein volles Geständnis abgelegt. Laut Anklage hat die Frau „unter Verwendung von Drittpersonalien“ im Internet Waren bestellt – ein Sammelsurium von Schmuck über Sportartikel und Kleidung bis zu Elektrogeräten. Die Rechnungen landeten stets bei ihrer Lebensgefährtin. Die Staatsanwältin beziffert den Schaden auf 12.848,51 Euro. 

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Dass die Fahrlehrerin das Golf-6-Cabrio ihrer Freundin für 8.600 Euro verhökerte anstatt es, wie besprochen, zur Reparatur in eine Werkstatt zu bringen, ist ein weiterer Vorwurf. Überdies kaufte die Angeklagte für sich und ihre Liebste einen Neuwagen für 26.000 Euro, ohne zu bezahlen. 

Zwei Monate und ein paar tausend Kilometer später forderte der geprellte Händler das Auto zurück. Mit der Mastercard ihrer Gefährtin hob die 35-Jährige außerdem nach und nach 10.800 Euro von deren Konto ab. Der Rechtsanwalt aus der Domstadt erscheint mit anderthalbstündiger Verspätung zum Prozess. 

In der Wartezeit schimpft seine Mandantin – einschlägig vorbestraft und gerade wegen 28-fachen Betruges für zweieinhalb Jahre hinter Gittern – über Mufferts „Unverschämtheit“. Als es endlich losgeht, rückt der Verteidiger das Tatmotiv ins Zentrum seiner Strategie. Die Angeklagte, so die Behauptung, sei von einer Rockerbande erpresst und gezwungen worden, immer wieder Geld zu beschaffen und abzuliefern. 

Zum Beweis will der Anwalt die Eltern der 35-Jährigen in den Zeugenstand holen und ein Handy auswerten lassen, auf dem angeblich Kontakte zu den Rockern gespeichert sind. Mufferts erstes Problem: Die Eltern der Angeklagten haben schon am ersten Prozesstag von ihrem Recht Gebrauch gemacht, die Aussage zu verweigern. 

Mufferts zweites Problem: Die Richter haben sich bereits um das Handy bemüht. Es ist nicht aufzufinden. Die Fahrlehrerin gerät verstärkt in Erklärungsnot. Die Betrogene – Krankenschwester, 35 Jahre alt – belastet ihre ehemalige Geliebte zusätzlich. Von einer Bedrohung durch Rocker wisse sie nichts. „Ich habe nie konkret Stress mitbekommen.“ 

Ihre Enttäuschung über die Lügereien in der Beziehung ist hörbar. „Ich weiß gar nicht mehr, was ich noch glauben soll.“ Die Richter stellen ein Strafmaß von drei bis vier Jahren in Aussicht. Philipp Muffert wird laut. Worte wie „Schwachsinn“ oder „höchstens Kleinkriminalität“ entfahren ihm. Die Luft im Saal wird immer dicker. Andreas Lyra bittet den Anwalt zum Vier-Augen-Gespräch. Das Gericht vertagt sich.

Fortsetzung Der Prozess wird am 25. Juni, 13.30 Uhr, Saal 125 des Amtsgerichts, fortgesetzt.

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