Kritik an städtischer Tauben-Kampagne

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Zu Unrecht Opfer von Kampagnen? Stadttaube im Brunnen auf dem Rathausplatz.

Lüdenscheid - Die städtische Kampagne "Ratten füttern Sie doch auch nicht!" stößt auf Gegenwehr. Die Tierschutzallianz Iserlohn sowie eine Taubenpflegerin aus Witten halten es für unhaltbar, Tauben mit Ratten zu vergleichen. Ein offener Brief ging dazu bei dem Beigeordneten Thomas Ruschin ein.

„Tierschutz ist, Tauben nicht zu füttern“, argumentiert die Stadt Lüdenscheid in einem neuen Flyer. Ziel der Kampagne sei es, die Ausweitung der Population in der Stadt zu verhindern, damit auch die Verbreitung von Krankheiten und die Beschädigung von Gebäuden und Fahrzeugen durch Taubenkot. Durch Erreger gefährdet seien Allergiker, ältere und immungeschwächte Menschen sowie Kinder, heißt es weiter.

Auf Gegenwind stieß die städtische Initiative („Ratten füttern Sie doch auch nicht!“) bereits bei ihrer Ankündigung. Zu Wort meldete sich per Leserbrief direkt Michael Siethoff für die Tierschutzallianz Iserlohn. Der Vergleich mit Ratten sei nicht haltbar, denn im Gegensatz zu diesen handele es sich bei Tauben nicht um Wilddtiere, die in der Lage seien, sich ausreichend natürliche Nahrungsquellen zu erschließen. Siethoff schlägt die Errichtung von Taubenhäusern vor, um unkontrollierte Fortpflanzung zu verhindern und Krankheiten zu vermeiden.

Mit einem offenen Brief an den Beigeordneten Thomas Ruschin, zuständig für Ordnungsfragen, reagierte auch die Journalistin Tanja Kahlert aus Witten auf die angekündigte Kampagne. In ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit pflegt sie seit vielen Jahren Wildvögel. Sie hält der Stadt vor, mit dem Hinweis auf „Gesundheitsrisiken“ in der Bevölkerung Angst und Ekel zu schüren. Sie störe sich an „Hetz-Kampagnen, die grundlos den Abscheu von Menschen fördern“ mit dem Ergebnis, dass Tiere sogar vorsätzlich durch Menschen verletzt würden, schreibt sie an Ruschin.

Der Brief im Wortlaut:

"Sehr geehrter Herr Ruschin,

ohne Ihre konkrete Argumentation zu kennen, spricht der auf www.come-on.de abgebildete Flyer Bände. „Ratten füttern Sie doch auch nicht“, lese ich da. Zwar ist umgangssprachlich oft von den „Ratten der Lüfte“ die Rede, tatsächlich bestehen jedoch keine Parallelen, abgesehen von einem antrainierten Ekel, den manche Menschen diesem harmlosen Vogel entgegen bringen. Insofern finde ich die mangelnde Sachlichkeit als unseriös und voreingenommen.

Ich pflege privat Wildvögel. Häufig dabei sind auch verletzte Stadttauben, etwa wegen von Vergrämungsnetzen eingeschnürten und verkrüppelten Füßen oder mit Frakturen, teilweise, weil nach ihnen getreten wird. Auch wenn die Stadttaube kein Wildvogel ist, sondern zu den domestizierten Tieren zählt, nehme ich diese Tiere auf. Die Stadttaube ist genetisch betrachtet eine heimatlose Brieftaube. Im Artikel wird angekündigt, dass Sie sich unter anderem zu den „Gesundheitsrisiken“ äußern, doch diesbezüglich werden immer wieder Mythen verbreitet, die wissenschaftlicher Grundlagen entbehren.Mit diesen Mythen wird .

Ich selber habe in meinem Leben schon hunderte Tauben bekommen und großgezogen oder gesundgepflegt. In meiner „Vogelkarriere“ hatte noch keine einzige Taube eine Erkrankung, die auf meine persönliche Gesundheit hätte Einfluss haben können. Die so häufig erwähnte Salmonellose ist nicht die Art der Salmonellose, die für menschliche Erkrankungen eine Rolle spielt. Was vorkommt, sind Wurmerkrankungen oder andere Parasiten, etwa Kokzidien. Für häufiger vorkommende Ektoparasiten, etwa Federlinge, ist der Mensch ebenso uninteressant. Die üblichen Endoparasiten finden sich ebenso bei Hund und Katze oder auch bei Nutzvieh. Ebenso ist die Taube eine der wenigen Vögel, die nicht an der Vogelgrippe erkranken.

Des Weiteren ist auffällig, dass es in Städten mit Fütterungsverbot nicht weniger Tauben zu geben scheint als in Städten ohne Fütterungsverbot. Aber der Zustand der Tauben ist abhängig von der Qualität des Futters. Tauben besiedeln seit tausenden von Jahren die Städte. Wenn eine Stadt tatsächlich mit einer zu hohen Taubenpopulation konfrontiert wird (was ich in Lüdenscheid noch nicht so empfunden habe), kann nur ein durchdachtes Konzept durch betreute Taubenschläge helfen. Viele Städte scheuen jedoch diese Investition und zahlen stattdessen über Jahrzehnte unnötige Reinigungskosten sowie teure Vergrämungsmaßnahmen wie Stacheln und Netze, die nicht nur für verkrüppelte Tauben sorgen, sondern allgemein das Stadtbild verschandeln.

Ich störe mich an Hetz-Kampagnen, die die grundlose Abscheu der Menschen gegenüber bestimmten Tieren aktiv fördern. Die Ergebnisse dieses Abscheus darf ich mir täglich ansehen oder anhören. Wenn nur 5 Prozent dessen, was man dazu hört oder liest, den Tatsachen entspräche, hätte ich das 38. Lebensjahr nicht erreicht."

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