Statt Verfahrenseinstellung Schuldspruch

Angeklagter verkalkuliert sich

Lüdenscheid - Eilig hatten es zwei Polizeibeamte am 9. Februar: Der Einsatz war „relativ dramatisch, weil ein Messer im Spiel sein sollte“, erinnerte sich einer von ihnen im Amtsgericht Lüdenscheid.

„Doch relativ schnell war klar: Die Lage ist anders. Der Angeklagte ist grantig und böse – wie man sich einen stoffeligen Menschen vorstellt.“ Was aber hatte den 76-Jährigen so erbost, dass die Anklageschrift ihm neben einer Beleidigung eine „gefährliche Körperverletzung“ (Mindeststrafe sechs Monate) vorwarf?

Wenig Zweifel gab es daran, dass der vorangegangene Einsatz eines Außendienstmitarbeiters des Straßenverkehrsamtes rechtens war: Er hatte den Auftrag, die polnischen Kennzeichen eines Fahrzeugs zu beschlagnahmen, das auf dem Grundstück des Angeklagten in Lüdenscheid stand.

„Der machte sich am Auto von meinem Schwager zu schaffen“, erklärte der Senior im Gericht seine ruppige Reaktion. Was gefolgt war, stammte aus der Abteilung „Fakten schaffen statt lange reden“: „Als ich mein Auto in die Garage fahren wollte, fuhr der Außendienstmitarbeiter mit seinem Auto vor die Garage und blockierte sie.“ Nun kam das Messer ins Spiel: Weil er keinen Schraubendreher fand, um die Kennzeichen abzuschrauben, griff der 76-jährige nach einem eher inadäquaten Werkzeug: „Er kam mit einem Messer raus und montierte das Kennzeichen hinten ab“, erinnerte sich der dadurch sehr beunruhigte Zeuge. Und dann habe der Angeklagte die Fahrertür des Autos zugeworfen, wobei das linke Bein des Zeugen leicht eingeklemmt wurde. Das blieb aber ohne Folgen: „Ich hatte keine Verletzung.“ Aber auch eine Autotür kann ein gefährliches Werkzeug sein, und so kam es zu der entsprechenden Anklage. Dass der alte Herr den Außendienstmitarbeiter und die beiden Polizeibeamten beleidigt habe, konnten diese nicht bestätigen. „Nein“, beantwortete einer von ihnen die Frage nach möglichen Beleidigungen recht eindeutig. Und für den Fall, dass es nicht so gewesen wäre, sagte der 35-Jährige etwas ausgesprochen Bemerkenswertes: „Man muss als Polizeibeamter auch ein paar Sachen schlucken. Wenn er doch etwas gesagt haben sollte, dann hat es mich nicht beleidigt.“

Richter Thomas Kabus stellte fest, dass nicht viel von der ursprünglichen Anklage übriggeblieben sei und bot dem Angeklagten eine Einstellung des Verfahrens an. Der hätte lediglich seinen Anwalt bezahlen müssen, und die Sache wäre erledigt gewesen. Doch die beiden verkalkulierten sich und wollten in Erwartung eines Freispruchs ein förmliches Urteil. Letzteres bekamen sie: Richter Thomas Kabus wertete das Zuschlagen der Autotür als eine versuchte gefährliche Körperverletzung und verurteilte den Angeklagten entsprechend. Sechs Monate Mindeststrafe ließen sich durch die Feststellung eines minderschweren Falls und zudem einer nur versuchten Verletzung aus der Welt schaffen. Übrig blieb aber eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 35 Euro. „Sie waren grantig und uneinsichtig und sind über das Ziel hinausgeschossen“, verabschiedete der Richter den 76-Jährigen.

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