"Es gibt nur weniger gute und schlechte Heime"

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Alte Menschen brauchen besonders viel Zuwendung – erst recht, wenn sie krank sind.

Lüdenscheid - „Es gibt keine guten Altenpflegeheime. Es gibt nur weniger gute und schlechte.“ Das ist das Fazit, das LN-Leser Peter Czompel zieht. Er hatte auf diverse Veröffentlichungen in den LN zu Erfahrungen in und mit Lüdenscheider Einrichtungen reagiert.

Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus Peter Czompels Schilderungen. In Absprache mit unserem Leser verzichten wir darauf, den Namen der betreffenden Heime zu nennen. Der Grund: Es sollen keine einzelnen Einrichtungen an den Pranger gestellt werden, weil leider davon auszugehen ist, dass sich die Verhältnisse in vielen Pflegeheimen nicht grundsätzlich unterscheiden.

Ihre Meinung ist gefragt

Zu wenig Personal, das häufig überlastet und überfordert ist: Die Schilderung eines Angehörigen über den Alltag in einem Lüdenscheider Pflegeheim ist selbstverständlich nicht repräsentativ.

Allerdings hätte sich die LN-Redaktion nicht zu einer Veröffentlichung entschlossen, wenn ihr in der Vergangenheit nicht schon ähnliche Leserbriefe zugegangen wären und wenn nicht auch zahlreiche persönliche Gespräche darauf hindeuteten, dass hier in der Tat manches möglicherweise sehr verbesserungsfähig ist.

Bitte schildern auch Sie uns Ihre Eindrücke als Bewohner oder Angehörige.

- Sind Sie zufrieden mit der Betreuung?

- Was würden Sie sich anders wünschen?

Auch die Träger und Einrichtungsleitungen sind ausdrücklich aufgefordert, ihre Sicht der Dinge darzulegen.

Schreiben Sie unter dem Stichwort „Altenheime“ bitte an LN@mzv.net oder an die LN-Redaktion, Schillerstraße 20, 58511 Lüdenscheid. - fin

"Es gibt Dinge im Leben, die macht man falsch, weil einem das Wissen oder die Erfahrung fehlt. Besonders mit der Unterbringung von Mutter oder Vater im Heim kann man in der Regel so gut wie keine Erfahrung gesammelt haben, weil das nur einmal, maximal zweimal, im Leben vorkommt.

Da ich meine an Demenz erkrankte Mutter zu Hause nicht selber pflegen konnte, musste ich sie 2003 in ein Pflegeheim geben. Damals schien mir eine bestimmte Einrichtung eine gute Wahl.

Im ersten Jahr war ich bis auf einige Kleinigkeiten noch ganz zufrieden. Diese Kleinigkeiten? Zum Beispiel ein Kopfkissen, auf dem Kot verschmiert war und das dann so im Bett platziert wurde, dass man dies nicht sieht (nämlich mit der Spur nach unten).

Damals dachte ich mir auch noch nichts Schlimmes dabei, dass eine Pflegekraft mir sagte, dass man meine Mutter ruhigstellen müsse, weil sie so viel rede. Das sei nicht zum Aushalten. Ich glaubte, dass Beruhigungsmittel schon nicht so schlimm seien und dass man in dem Heim ja schon wisse, was zu tun sei. Auch der Arzt müsse das ja wissen. Dachte ich.

„Ich soll mehr Tropfen verschreiben“

Der Hausarzt sagte mir dann mal, als ich bei ihm zur Besprechung war: „Die rufen hier andauernd an, ich solle mehr Tropfen verschreiben. Ich habe denen gesagt, dass ich Ihre Mutter nicht so abfüllen kann“.

Er hat es trotzdem getan! Von da an hing meine Mutter täglich völlig „abgedichtet“ im Stuhl – schön ruhig, ohne zu reden, der Speichelfaden hing regelmäßig aus dem Mund. Zu der Zeit hatte ich noch keine Ahnung, welche Nebenwirkungen über die Jahre durch diesen Missbrauch an Beruhigungsmitteln entstehen können.

Meine Mutter war von 2003 bis 2012 in dieser Einrichtung. In den Jahren 2008/2009 war die Spitze an Nebenwirkungen erreicht – spastische Schreie den ganzen Tag über einen Zeitraum von vielen Jahren.

Dazu kamen unwillkürliche Bewegungen des Gesichts wie lautes Zähneknirschen oder das Hin- und Herbewegen der Beine im Bett. Dass das Symptome der Krankheit Demenz sein sollten, ist für mich unvorstellbar. Schließlich werden solche Nebenwirkungen auch im Beipackzettel der entsprechenden Medikamente erwähnt.

Als ich einen Neurologen, der mittlerweile in die Behandlung eingeschaltet worden war, dann nach dreimaligem Versuch endlich dazu bewegen konnte, die Dosis herunterzusetzen, ließen die Schreie auch nach, aber nicht ganz. Einmal verpfuscht, immer verpfuscht. Und das wahrscheinlich nur, weil meine Mutter so viel redete, was als störend galt.

Ganz anders ein LN-Bericht aus jüngster Vergangenheit über das Heim. Hier wird Reden als wichtig für die Bewohner dargestellt. Die Fotos in diesem Zeitungsbericht liefern ein Bild von lächelnden zufriedenen Mitarbeitern – und Bewohnern? Man könnte meinen, das sei ein Hotel. So wie dort abgebildet und beschrieben ist es auch – ausschnittsweise.

Der eigentliche Alltag in dem Heim (und wohl auch in anderen Heimen) ist ein anderer. Durch meine häufige Präsenz im Hause (durchschnittlich einmal täglich über einen Zeitraum von neun Jahren) habe ich vornehmlich eher andere Beobachtungen gemacht.

„Keine Angehörigen? Schlechte Karten!“

Einige Beispiele:

- Grundsätzlich ist es so, dass Bewohner, die keine Angehörigen haben oder nur sehr selten Besuch bekommen, schlechter gepflegt werden als Bewohner, die oft besucht werden. Ich habe dort zum Beispiel eine Frau gesehen, die hatte pechschwarze Fingernägel, völlig verdreckt.

Tipps zur Auswahl einer passenden Einrichtung

Die Barmer GEK gibt in ihrer Broschüre „Das richtige Pflegeheim“ zahlreiche Tipps, worauf man bei der Auswahl achten sollte. 

- Außenanlage: Verfügt die Anlage über beschützte Rundläufe für dementiell Erkrankte? Sind die angelegten Wege auch für Rollstühle geeignet? Gibt es genügend Sitzgelegenheiten?

- Beschäftigungsangebote: Werden Sing- oder Spielkreise angeboten?

- Chronische Wunden: Werden bettlägerige Bewohner nach einem individuellen Lagerungsplan gelagert? Wie häufig werden gefährdete Personen im Schnitt am Tag mobilisiert?

- Demenz: Verfügt das Pflegeheim über beschützte Wohnbereiche, wo sich der dementiell Erkrankte frei bewegen kann? Gibt es Möglichkeiten der Beschäftigung im hauswirtschaftlichen Bereich, zum Beispiel in der Nähstube, Wohnküche oder bei der Gartenarbeit? Verfügt die Einrichtung über ein „Nachtcafé“, in dem sich unruhige Bewohner, die nicht so früh schlafen wollen, aufhalten können?

- Möbel: Können die Zimmer nach den individuellen Bedürfnissen eingerichtet werden? Dürfen so viele Bilder etc. an die Wände gehängt werden, wie Sie das für notwendig erachten?

- Nächtliche Versorgung: Wie viele Pflegepersonen stellen die nächtliche Versorgung der Bewohner sicher?

Orientierung: Ist das Pflegeheim einfach und übersichtlich strukturiert?

- Pflege: Können die Zeiten, wann die Bewohner aufstehen und zu Bett gehen wollen, frei bestimmt werden? Kann der eigene, vertraute Hausarzt behalten werden oder wird ein „Heimarzt“ vorgeschrieben? Wie viele Bewohner werden pro Pflegekraft betreut?

Unterkunft: Macht die Einrichtung einen gepflegten wohnlichen und freundlichen Eindruck? Riecht es in der Einrichtung unangenehm, zum Beispiel nach Essen, Reinigungsmitteln oder Ausscheidungen? Verfügen die Zimmer über eine eigene Nasszelle?

- Verpflegung: Gibt es feste Essenszeiten oder kann die Einrichtung auf die Bedürfnisse nach einer individuellen Tagesstrukturierung eingehen? Ist es auch möglich, im eigenen Zimmer zu essen?

- Wertschätzung: Klopfen die Mitarbeiter an die Tür der Bewohner, bevor das jeweilige Zimmer betreten wird? Werden die Bewohner ohne erkennbaren persönlichen Bezug vom Pflegepersonal geduzt?

- Bettlägerige Bewohner liegen stundenlang mit nassen Windeln im Bett. Bei meiner Mutter hatte sich dann auch ein „superinfizierter Herpes glutäalis“ gebildet.

- Das Schneiden der Fußnägel wird in diesem Haus verweigert. Dies müsse die Fußpflegerin machen; es müsse extra bezahlt werden. Und das, obwohl das zu der im Rahmenvertrag festgelegten vom Haus zu erbringenden Körperpflege gehört. In meinem Gedankengut hat sich seitdem unverlierbar ein Betrugsverdacht etabliert.

- Verabreichte Medikamente werden von Bewohnern wieder ausgespuckt, ohne dass es vom Pflegepersonal bemerkt wird (weil keine Zeit). Die Tabletten liegen dann irgendwo herum.

- Mit Kot verschmierte Toiletten bleiben über Stunden in diesem Zustand – in wenigen Ausnahmen auch über Tage. Den dementen Bewohnern ist das egal. Sie gehen auch auf unreine Toiletten, wenn sie müssen und noch selber gehen können.

- Das Saubermachen der Bewohner nach dem Stuhlgang hat sich zur damaligen Zeit eine Pflegeperson gerne gespart. Windel drüber, fertig.

- Medikamente stehen offen, zur Verabreichung bereitgestellt, im Tagesraum herum, unbeaufsichtigt. Jeder demente Bewohner kann da drangehen und probieren.

- Trinkbecher wurden zeitweise im Pflegearbeitsraum abgestellt. Dies ist ein unreiner Raum, in dem Lebensmittel und deren Behältnisse aus hygienischen Gründen nichts zu suchen haben.

Oft kam es vor, dass meine Mutter während meines Besuches sagte, dass sie Hunger habe, obwohl die Essenszeit gerade vorbei war. Sie hat immer sehr langsam gegessen. Ich habe dann mitbekommen, dass meiner Mutter ein wichtiges Medikament (Magenmittel / Protonenpumpenhemmer) nicht vollständig gegeben wurde.

Es war relativ umständlich, weil es in Wasser aufzulösen und dann zu verabreichen war. Meine Mutter hat das nur sehr langsam getrunken; das dauerte mitunter mehrere Minuten. Von da an habe ich meiner Mutter das Medikament täglich selber verabreicht. Das musste nun mal sein, da ich weiß, welche Wirkung es haben kann, wenn man das Mittel nicht bekommt.

Träger reagiert nicht auf Beschwerden

Das war auch der Zeitpunkt, an dem ich anfing, noch genauer hinzuschauen, was so geschieht. Dies passte vielen Mitarbeitern des Hauses überhaupt nicht – besonders nicht den leitenden Mitarbeiterinnen.

Irgendwann fing ich dann an, in unregelmäßigen Abständen detaillierte Beschwerden an den Träger des Heims zu schreiben, mit Uhrzeit, Datum, Benennung der Abweichung und so weiter. Das hat der Träger über den gesamten Zeitraum reaktionslos gelassen.

Erst 2012 sagte mir dann der damalige Einrichtungsleiter, dass er jetzt etwas unternehmen werde. Er hat dann versucht, mich auf gerichtlichem Wege als Betreuer meiner Mutter loszuwerden, was nicht funktioniert hat.

Da sich zu dieser Zeit aber auch merkwürdige Verletzungen im Bereich des Gesichts meiner Mutter zeigten, die sie sich unmöglich selbst zugezogen haben konnte, habe ich dann den Entschluss gefasst, dass das Haus gewechselt werden muss.

Die Entscheidung fiel auf ein privates, von allen befragten Personen hoch gelobtes Pflegeheim außerhalb Lüdenscheids. Dieses Haus hatte zur damaligen Zeit die beste Benotung aus dem Bereich der mir bekannten Einrichtungen.

Der Wert des Benotungssystems war mir dann leider sehr schnell klar geworden. Es zeigten sich dann bereits nach zwei Wochen deutliche Merkmale einer Exsikkose, der Folge einer Dehydrierung, bei meiner Mutter – trockene Haut, trockene Lippen, trockener Mund und eine angehobene Hautfalte, die beim Loslassen so stehenbleibt.

So etwas hatte meine Mutter vorher nie gehabt. Ihre Haut war erstklassig. Nach Wikipedia liegt hier bei Demenz eindeutig ein Pflegefehler vor. Nach vier Wochen Aufenthalt in diesem neuen Pflegeheim ist meine Mutter verstorben.

Die an diesem Tage aufsichtführende Pflegekraft hielt es nicht für nötig, trotz erheblicher Atemprobleme, die mit lautem Stöhnen einhergingen (vermutlich Wasser in den Atemwegen), unmittelbar einen Arzt zu rufen. Damit hätte ich mich nicht zufrieden geben dürfen.

Appell an die Politiker

Frank Plasberg hat in der ARD-Sendung „Hart aber Fair“ zum Thema „Demenz“ am 2. Februar 2015 die Aussage gemacht: „Es gibt gute und weniger gute Heime. Die guten haben lange Wartezeiten“.

Ich erlaube mir, diese Aussage aus meiner Sicht wie folgt abzuändern: „Es gibt weniger gute und schlechte Heime. Die weniger guten haben lange Wartezeiten“.

Und dann noch ein Hinweis an die Politik: Ihr habt die Probleme überhaupt noch nicht richtig erfasst. Auf hausinternen Feiern – zum Beispiel Adventsfeier oder Sommerfest – zu Besuch zu kommen und sich gut gelaunt für die Zeitung ablichten zu lassen, ist zunächst kein schlechtes Einbringen.

Es bringt für die Bewohner eines solchen Hauses aber nicht wirklich viel. Jedenfalls nicht für die, die oben in den Betten liegen, das meiste Geld ins Haus bringen und pflegerisch vernachlässigt werden. Da gäbe es noch mehr zu tun. Packt das mal an!

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