Ablauf von Fristen einfach nicht abgewartet

Angehörige schockiert: Grab im MK vorzeitig abgeräumt

Friedhof Lüdenscheid
+
Else Freisewinkel wollte den Grabstein des Vaters sichern, umarbeiten lassen und auf das Grab der Mutter – Annerose Bäcker – stellen.

Mehrere Gräber auf dem Friedhof Piepersloh wurden vorzeitig geräumt (wir berichteten). Statt sich von ihren Müttern, Vätern, Onkeln oder Tanten verabschieden zu können, standen die Angehörigen buchstäblich vor dem Nichts. Wo fast 30 Jahre lang ein Grabstein stand, blickten sie nun auf eine leere Rasenfläche.

Lüdenscheid - Der für den Friedhof verantwortliche Stadtreinigungs-, Transport- und Baubetrieb Lüdenscheid (STL) und Bürgermeister Sebastian Wagemeyer räumten Mitte Mai den Fehler ein, sprachen von einem bedauerlichen Versehen und entschuldigten sich öffentlich. Sie hofften, dass sich die Sache damit erledigt hatte. Für Elke Freisewinkel, geborene Bäcker, ist sie das nicht. Auch das Grab ihres Vaters war Mitte Mai plötzlich verschwunden. Von der Entschuldigung aber fühlte sie sich aber nicht angesprochen.

In ihrer gemeinsamen Stellungnahme hatten Wagemeyer und STL von vier vorzeitig geräumten Grabstellen gesprochen – „bei denen die jeweilige Ruhezeit noch zwei, fünf und zweimal sogar knapp 18 Monate betrug.“ Im Fall der Freisewinkels war es jedoch nur einen Monat zu früh, nicht zwei. Erich Joachim Bäcker war am 17. Mai 1991 auf dem Waldfriedhof beerdigt worden. 30 Jahre später lief die Ruhefrist ab – am 16. Mai 2021.

Die Familie, die in Hattingen wohnt, hatte Mitte März ein Schreiben vom STL erhalten, in dem ihr angekündigt wurde, dass das Grab eingeebnet wird. Um – falls gewünscht – Pflanzen oder den Grabstein von der Grabstelle herunterzunehmen, wurde der Familie eine Frist bis zum 10. Mai gesetzt.

In der Tat verfolgten die Freisewinkels exakt diesen Plan. Im vergangenen Jahr war Elke Freisewinkels Mutter – Annerose Bäcker – gestorben. Auch ihre Grabstelle befindet sich auf dem Waldfriedhof. Der Grabstein des Vaters sollte umgearbeitet und auf die neue Grabstelle gesetzt werden. Eine schöne Geste, fand die Familie und beauftragte den Steinmetz Holger Langwald mit der Aufgabe. Auch der Buchsbaum und die Pfingstrose, die die Mutter damals „mit uns Kindern“ auf das Grab des Vaters setzte, hatte für Elke Freisewinkel eine „unermessliche Bedeutung“.

„Schockiert und sprachlos“

Dementsprechend „schockiert und sprachlos“ war sie, als sie am 16. April auf dem Friedhof nach dem Grab des Vaters suchte und es nicht fand. „Mit großer Bestürzung musste ich feststellen, dass das Grab meines Vaters bereits verschwunden und die gesamte Fläche einen Monat vor dem genannten Termin eingeebnet ist“, schrieb Elke Freisewinkel einen Tag später an den STL. Auch von dem Grabstein fand sich keine Spur, geschweige denn von den Pflanzen.

In der E-Mail-Antwort des STL wurde als Grund für die vorzeitige Räumung der Grabstelle das trockene Wetter genannt, bei dem die Mitarbeiter etwas „vorarbeiten“ wollten. Gegenüber unserer Zeitung will der STL „vorarbeiten“ als Vorarbeiten im eigentlichen Sinne verstanden wissen. „Vorarbeiten finden im zeitlich unmittelbaren Vorfeld von Grabräumungsarbeiten statt und umfassen beispielsweise die Entfernung von Randsteinen oder größeren Pflanzen. Diese Vorarbeiten werden nach Möglichkeit bei trockenem Wetter erledigt. Die Räumung der Grabfläche selbst richtet sich nach den Ablauffristen und wird nicht wegen guter Wetterlage vorgezogen“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des STL.

Im angesprochenen Fall habe es „bedauerlicherweise ein Versehen bei der Beachtung der Ablauffristen“ gegeben. Wörtlich heißt es weiter: „Das trockene Wetter ist dabei jedoch kein Grund für die Grabräumung gewesen, sondern wurde ausschließlich für oben erwähnte Vorarbeiten genutzt.“ Ob das stimmt? Immerhin war das Grab am 16. April schon verschwunden.

Der städtische Eigenbetrieb gab den Zeitpunkt der Grabräumung allgemein mit „Mitte April“ an. Wann genau das Grab von Erich Joachim Bäcker entfernt wurde, vermochte der STL auf Anfrage nicht mehr zu sagen, „da die Arbeiten einige Tage in Anspruch nehmen“. Trotz der Differenz von einem Monat betont der STL zudem, dass „das Grab von Herrn Bäcker eines der in der Stellungnahme vom 20. Mai genannten vier vorzeitig geräumten Gräber“ ist. Über zwei Fälle hatte unsere Zeitung berichtet: Das Grab von Else Sleiderink war fünf Monate zu früh geräumt worden, das von Brigitte Mielke 18 Monate vor Ablauf der Frist. Der Bitte unserer Redaktion, die Ablauffristen eines jeden einzelnen der zwölf geräumten Gräber zu nennen, entsprach der STL nicht.

Auf Nachfrage betonte der städtische Eigenbetrieb, dass er „mit den Nutzungsberechtigten aller vier vorzeitig geräumten Gräber in Kontakt getreten sei. In allen vier Fällen wurde das Angebot, eine symbolische Ruhestätte einzurichten und Grünpflanzen oder Grabschmuck zu ersetzen, abgelehnt“, behauptet der STL in seiner Stellungnahme. Elke Freisewinkel und ihr Mann Guido haben ein solches Angebot nicht erhalten, auch gesprochen hat mit ihnen niemand vom STL. „Uns wurde die Möglichkeit genommen, uns am Grab endgültig zu verabschieden und abzuschließen. Dieser Schmerz wird bleiben“, sagt Else Freisewinkel im LN-Gespräch.

Erst vor einigen Tagen war sie wieder am Friedhof Piepersloh – am Grab ihrer Mutter, Ruhezeit 30 Jahre. Ein Stein liegt zwischen Begonien und frischen Lilien. Es ist der Granit vom Grab des Vaters. Einzig dem Zufall war es zu verdanken, dass Steinmetz Holger Langwald den Grabstein schon gesichert hatte, bevor das Räumkommando des STL anrückte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare