Nach fast 36 Jahren als Richter verabschiedet

Amtsgerichts-Direktor Peter Alte geht in Rente

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Ob am Schreibtisch oder im Gerichtssaal: Amtsgerichts-Direktor Peter Alte verkörpert stets den Typus der zurückhaltenden und freundlich-distanzierten Respektsperson.

Lüdenscheid - Am 12. Mai gegen 12.15 Uhr fiel im Saal E29 des Amtsgerichts am Dukatenweg sein letztes Urteil. Wie viele Entscheidungen es waren seit diesen 13.087 Kalendertagen als Richter, das bleibt ungezählt. In der vergangenen Woche Mittwoch hielt Amtsgerichts-Direktor Peter Alte (65) seine Entlassungs-Urkunde in den Händen – überreicht vom Präsidenten des Landgerichts, Thomas Vogt. Peter Alte scheidet zum Monatsende aus dem Berufsleben aus, beschließt eine Ära in der Lüdenscheider Justiz und leitet damit eine neue ein.

Es ist diese konzentrierte und stets ruhige Art seiner Prozessführung. Juristen, Angeklagte und Zeugen gleichermaßen schätzen so etwas. Und es sind seine Umgangsformen. Betont freundlich, nicht ohne Distanz, ein Hauch britisch. Wer Peter Alte je über den Weg gelaufen ist, mag den Eindruck teilen: Hier geht ein Gentleman in Rente, einer von der alten Schule.

Für so einen hat das Wort Respekt eine große Bedeutung. Peter Alte spricht über Veränderungen in der Gesellschaft, die er in seinem Richter-Leben seit August 1979 erlebt hat. „Vieles hat sich gelockert“, sagt er. Und meint das durchaus wohlwollend. Und der Verlust von Respekt in vielen Lebensbereichen ist wohl hinzunehmen. Doch er hebt unmerklich einen Zeigefinger, wenn er sagt: „Aber vor Gericht muss Respekt einfach sein.“

Referendarzeit am Dortmunder Landgericht

Seit der Referendarzeit am Dortmunder Landgericht ist für den gebürtigen Lüdenscheider klar: Der Beruf des Richters als unabhängige und objektive Institution, der ist seine Berufung. Aber weil begeisterte Ausrufe seine Sache nicht so sind, formuliert er bei der Frage nach den Höhen und Tiefen seines Wirkens eher diplomatisch kühl. „Einige Entscheidungen fallen schwerer als andere.“ Ob Familien, Zivil- oder Strafrichter – eine spezielle Ausbildung nach dem Jura-Examen gibt es nicht. Lebenserfahrung spiele eine Rolle, sagt er. Und wird dann doch konkreter. „Über den Aufenthalt von Kindern zu entscheiden, das hat sicher eine ganz große Tragweite.“

Neben der Lebenserfahrung, die einen Richter mit zunehmendem Alter souverän macht, braucht es Disziplin. Schon beim Studium der Rechtswissenschaften ist Ausdauer gefragt, Fleiß, Zielbewusstsein. Wie im Leistungssport. Ob am Schreibtisch oder auf dem 400-Meter-Oval: Peter Alte, heute noch leicht und drahtig gebaut, hat beide Anforderungen bewältigt.

Westfalenmeister im Zehnkampf

Westfalenmeister im Zehnkampf war er, der Sprint seine Spezialität. „100 Meter in 10,7 Sekunden“, sagt er mit leisem Stolz. Und dann, vorsichtig einschränkend, zurückhaltend: „Handgestoppt, aber auf Aschenbahn.“ Der Zehnkampf ist natürlich Vergangenheit. Aber der angehende Pensionär hat sich fit gehalten, auf dem Fahrrad, auf Skiern, auf dem Tennisplatz – und hat konditionell locker durchgehalten, im Gerichtssaal, aber auch am Schreibtisch, fünfeinhalb Jahre in seinem Direktoren-Zimmer am Dukatenweg.

Verwaltung und Bestrafung

Was es anstrengend gemacht hat, war die Mischung: Recht zu sprechen und gleichzeitig eine Behörde mit 80 Mitarbeitern und 13 Richtern zu leiten. Eine Hälfte ausgefüllt mit Verwaltungstätigkeit, Personalentscheidungen, Geschäftsverteilung oder Berichtswesen. Die andere Hälfte mit der Bestrafung von betrunkenen Autofahrern, drogensüchtigen Ladendieben, gewalttätigen Ehemännern oder unverbesserlichen Lügnern. Aber auch diesen Job hat Peter Alte mit der ihm eigenen nonchalanten Vornehmheit erledigt.

Seine Nachfolge ist noch nicht offiziell

Mit 65 Jahren und vier Monaten ist Schluss. Seine Nachfolge ist noch nicht offiziell. Bald müssen auch Richter länger arbeiten, bis 67. Hätte er gerne länger gearbeitet? Auch hier: leichtes Understatement. „Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich drüber nachgedacht.“ Obwohl sich die Rahmenbedingungen für das Richteramt laut Peter Alte verschlechtert haben. „Die Besoldung hinkt ja hinterher.“

 Für den scheidenden Direktor spielt das keine Rolle mehr. Er freut sich auf Reisen mit seiner Frau, auf Sport, auf ein gutes Buch, „muss nicht unbedingt juristische Fachliteratur sein“. Und auf Besuche in Stuttgart und Ludwigsburg, wo die beiden Kinder leben.

Das letzte Urteil ist gesprochen. Es traf am 12. Mai einen 19-Jährigen aus Lüdenscheid. Er muss 50 Sozialstunden ableisten. Wegen Nötigung. „Im Namen des Volkes.“

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