Amtsgericht: „Zum Weglaufen bin ich zu alt“

Lüdenscheid - Diese Zugfahrten nach Hagen und zurück. An jedem verdammten Tag. Weil es für ihn nur dort Methadon gibt, diese Ersatzdroge für Heroin. Und das Jobcenter überweist ja nicht immer pünktlich, sagt der 48-Jährige. „Da bin ich lieber schwarzgefahren als irgendeinen anderen Mist anzustellen.“ Also steht seine 27. Verurteilung bevor.

Im Juni fing er sich von Strafrichter Thomas Kabus zehn Monate ohne Bewährung ein – wegen achtfachen „Erschleichens von Leistungen“, wie die Juristen sagen. Dagegen legte Rechtsanwalt Horst Metag Berufung ein. Nur zwei Wochen nach dem erstinstanzlichen Urteil und weit vor der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht im Februar saß er schon wieder ohne Ticket im Waggon, weitere zwei Wochen danach noch einmal – Dunkelziffer nicht mitgerechnet.

Aber jetzt ist bald sowieso erstmal Schluss, sagt er. Nächste Woche Donnerstag ist Haftantritt im Attendorner Gefängnis. Zwei bis drei Jahre hinter Gittern stehen ihm bevor. Der 48-Jährige, äußerlich einem 60-Jährigen gleich, gibt sich einsichtig und kämpferisch zugleich, gebückt, bleich, mit wirrem Haar und fahrigen Bewegungen. „Ich verbüße das, ich ziehe das durch. Ich hatte Bewährung, habe trotzdem Mist gebaut, dann muss man damit rechnen.“ Aber ihm sei keine Wahl geblieben. Jetzt müsse er das ausbaden, plaudert er weiter drauflos. „Ich nehme es hin. Weglaufen kann man nicht, dafür bin ich zu alt.“

Dazu gehört es für ihn auch, seine Wohnung aufzugeben. An der Brüderstraße hat ihn der psychiatrische Gutachter Dr. Bernhard Bätz besucht. Im Berufungsprozess berichtete er über die Visite, die abgebrochen werden musste, weil die Kerzen nicht ausreichten. Strom, Wasser und Heizung waren längst abgestellt. Mittellos, krank und kaputt vegetiert der Mann hier vor sich hin. Und fährt jeden Tag nach Hagen. „Ich habe jetzt eine Fahrkarte.“ Die ist bis Ende April gültig. So lange wird er sie nicht mehr brauchen. Strafrichter Kabus verurteilt ihn wegen der beiden neuen Schwarzfahrten zu fünf Monaten Gefängnis ohne Bewährung, die kommen als „Nachschlag“ obendrauf. Der Angeklagte akzeptiert das Urteil. Und hofft auf einen Neuanfang nach der Haftzeit. „Vielleicht in einer Männer-WG oder so. Und Arbeit suchen.“

Im Zuschauerraum des Gerichtssaals 125 verfolgt eine Jungengruppe von der Friedensschule den Prozess. Schweigend, ernst und konzentriert. Jugendsozialarbeiter Michael Tschöke begleitet sie und sagt: „Damit die rechtzeitig erfahren, wie es wirklich funktioniert.“

Von Olaf Moos

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