Amtsgericht: Wechselseitig angemacht

Lüdenscheid - Es ist so ein Strafprozess, auf den könnte Richter Andreas Lyra gut und gerne verzichten. Jedenfalls sagt er: „Mein Herz hängt an diesem Verfahren nicht wirklich.“ Da sei ein Streit „wohl auf unterstem Niveau eskaliert“. Die Konsequenz ist ein teures Gerichtsverfahren.

Der mehrfach vorbestrafte Angeklagte, 23-jähriger Hartz-IV-Empfänger mit zwei Kindern, hat im Herbst per Handy Beleidigungen an Nachbarn verschickt. „Ihr seid das Letzte“ gehörte zur harmloseren Sorte. „Hurensohn“ oder „Lutscher“, diese Vokabeln stehen ebenfalls in der Anklage. „Die haben dem Vermieter über meine Vergangenheit erzählt, damit ich ein Hausverbot kriege.“ Er selbst sei von ihnen als „Arschloch“ tituliert worden. Man habe sich aber ausgesprochen, „jetzt läuft es wieder ganz gut“.

Tatsächlich haben die Adressaten der SMS-Botschaften – wenn auch zu spät – einen entsprechenden Brief ans Gericht geschickt. Und sind stattdessen der Vorladung zur Zeugenaussage nicht gefolgt. Strafverteidiger Frank Becker aus Hagen regt an, das Schreiben als „Rücknahme des Strafantrags“ zu werten. Richter Lyra denkt laut darüber nach.

„Man hat sich wohl wechselseitig angemacht“, fasst er zusammen. Und zum Angeklagten: „Sie sind ein bisschen impulsiv, Sie sollten an sich arbeiten!“ Und an die Adresse der abwesenden Belastungszeugen: „Auf der anderen Seite war es wohl auch nicht besser.“

Und überhaupt: „Wenn die nicht kommen und damit ihr fehlendes Interesse an dem Verfahren demonstrieren, dann sehe ich nicht ein, warum ich mit der vollen Staatsgewalt drangehen soll.“ Richter Lyra stellt das Verfahren ein. Seine Auslagen trägt der Angeklagte selbst.

Olaf Moos

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