Amtsgericht: „Was für eine hässliche Ecke“

LÜDENSCHEID ▪ Die alte Dame hat gleich ihren Führerschein mitgebracht – um ihn dem Richter freiwillig in die Hand zu drücken. Ihre Unfallflucht vom 9. Juni auf der Wehberger Straße hat ihr wohl zu Denken gegeben, sagt Strafverteidiger Dirk Löber. Seine Mandantin (75) hat beim Rangieren ein Vorgartenmäuerchen und eine alte Laterne gerammt. Der Staatsanwalt beziffert den Schaden auf 11 852,98 Euro. Die Frau legt ein Geständnis ab.

Aber damit fängt die Geschichte erst an. Denn hinter einem möglichen Strafurteil gegen die Lüdenscheiderin lauert die Eigentümerin der Mauer – und eine Versicherung. Wird die Bruchpilotin bestraft, droht die Haftpflichtversicherung die Angeklagte in Regress zu nehmen. Das möchte die erwartungsgemäß nicht so gerne.

Sie schildert den Vorfall, berichtet über ihre damaligen Magen-Darm-Probleme, die halbe Nacht auf der Toilette – und wie unkonzentriert sie daraufhin war. Aber: „Ich habe da schon ein paar Mal geparkt und habe jedesmal gedacht, was für eine hässliche Ecke.“ Mauer und Laterne seien schon vorher kaputt gewesen, deshalb habe sie „nicht groß nachgedacht“ und sei weggefahren. Den Schaden an ihrem Wagen habe sie erst später bemerkt. Strafrichter Andreas Lyra zeigt Fotos von ihrem grünen Golf – ringsherum Macken. „Hier“, sagt Lyra und deutet mit dem Finger auf die Beulen. „Und hier. Und hier. Und was ist hiermit? Und was ist das?“

Die Einsicht der Angeklagten macht es dem Richter einerseits leicht, Milde walten zu lassen. Der offensichtlich marode Zustand der Mauer besorgt ein Übriges. „Große Bedenken hinsichtlich der Schadenshöhe“ habe er, sagt Lyra. Ebenfalls fraglich sei, ob der Knick in der Laterne nicht schon vorher vorhanden gewesen sei. Die Spuren am Wagen wollen nicht zu den „offensichtlichen Altschäden“ passen.

Das Verfahren wird gegen Zahlung von 500 Euro eingestellt. Es folgt ein fast feierlicher Augenblick: Die 75-Jährige überreicht ihren Führerschein. Der Richter spricht von „großer Hochachtung“.

omo

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