Amtsgericht: Viel Gefühl für den Dieb

Lüdenscheid - Sein Leben ist ein Sammelsurium aus unerfreulichen Geschichten. Deshalb weiß der Hartz-IV-Bezieher (32), eine erneute Gefängnisstrafe vor Augen, ganz sicher: „Ich möchte am liebsten nicht noch mal da rein.“ Aber an einem lauen Juli-Abend klaut er im Suff einem Zechkumpan im Stadtgarten am Kulturhaus das Handy aus der Tasche und gibt Fersengeld. Motiv: „Der hat meine Mutter beleidigt.“

Strafrichter Andreas Lyra hat in einem juristischen Aufsatz gelesen, dass Angeklagte, die früh am Tag ihren Prozess haben, größere Chancen auf Bewährung haben als Kollegen, die erst am späten Nachmittag dran sind. Das, erklärt der Richter, habe wohl mit der Arbeitsbelastung im Justizalltag zu tun. Und mit der nachlassenden Laune. Der 32-Jährige, 14 Vorstrafen auf dem Kerbholz, hat Glück. Es ist 9.15 Uhr, er ist der Starter an diesem Prozesstag.

Es gibt wenig zu diskutieren. „So weit stimmt die Geschichte“, sagt der arbeitslose Schweißer, als der Staatsanwalt die Anklage verlesen hat. Ein klares Geständnis, damit ist die Beweisaufnahme so gut wie erledigt. Es folgt: die Beleuchtung eines kleinen krummen Lebensweges. Öfter gab es Theater mit Polizisten, Diebstähle, Schwarzfahrten, Unterschlagung, auch mal eine Körperverletzung. Die Karriere eines klassischen Kleinkriminellen.

Doch er hat wenigstens versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Seine Tochter, sein ganzer Stolz, wird heute 21 Monate alt. Als er über sie erzählt, strahlen seine Augen, und seine Gesichtszüge werden weich. Doch die Beziehung zur Mutter der Kleinen ist gescheitert. Er lebt alleine in Lüdenscheid – und betrinkt sich immer häufiger. Am Tattag „habe ich morgens um 8 Uhr angefangen“. Den Diebstahl beging er um 20.30 Uhr. Ein paar Tage später habe er das Ding irgendwo in der Stadt verkauft, „an so’n Türken“, wie er sagt.

Nur gut, dass bei seiner Bewährungshelferin einen Stein im Brett hat. Er sei „nett und freundlich“, berichtet sie über ihren Klienten. „Und das Berufliche kriegen wir auch noch hin.“ Er fügt hinzu: „Ich war jetzt auch bei einem Vätertag im Kindergarten. Das war schön.“

Doch Diebstahl bleibt Diebstahl – und muss bestraft werden. Richter Lyra: „Ich bin an Recht und Gesetz gebunden.“ Aber wenn es um Bewährung gehe, spiele sehr viel Bauchgefühl mit – und es gebe natürlich Ermessensspielraum. Sechs Monate mit Bewährung gibt es. „Aber Sie müssen endlich mal mit der Sauferei aufhören!“

Olaf Moos

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