Amtsgericht: Verfahren gegen Paketfahrer eingestellt

Lüdenscheid - Der Kollege hat wohl gerade Mittagspause. Deshalb kann der Paketfahrer (52) seine Fracht an der Rampe von Erco nicht loswerden. „Es war keiner da.“ Doch er muss weiter. „Ich stand unter Zeitdruck.“

Und so stellt der eilige Mann das Paket auf einen Kartonstapel – und schreibt einfach den Namen des Erco-Kollegen auf seinen Handscanner. Fracht angekommen, Empfang quittiert, Auftrag erledigt, Urkundenfälschung begangen.

Der Angeklagte (52) ist ein Handfester. Kinderloser Junggeselle aus Hagen. In Arbeitskluft, unrasiert und ein bisschen zerzaust sitzt er, ohne Verteidiger, vor Strafrichter Lyra. Umschweife ist offensichtlich nicht sein Ding. „Ja, ich habe es gemacht. Ich dachte, es passiert schon nix. Nun ist es doch passiert. Ich habe einen Fehler gemacht.“

Bei dem Wort „Zeitdruck“ horcht der Richter auf. Er interessiert sich für den Job des Angeklagten. „Wie läuft’s denn so?“ Es läuft, folgt man den Schilderungen des Paketfahrers, nicht rund. „Um 5.30 Uhr fangen wir an, wir müssen selbst laden.“ Und zwar in Wuppertal, „das ist ‘ne extrem lange Anfahrt“. Dann ab nach Lüdenscheid, zackzack, Fracht loswerden, Unterschriften einsammeln. Und um 18.45 Uhr muss er wieder in Wuppertal sein, Sendungen oder nicht zugestellte oder beschädigte Pakete abliefern. 13 Stunden, und nach Feierabend die Heimfahrt nach Hagen. Monatslohn netto: 850 Euro.

Dass sie nicht selbst quittieren dürfen, klar wissen die Fahrer das. Der Angeklagte plaudert aus dem Nähkästchen. „Wir müssen ja auch jedes Mal das Auto abschließen, wenn wir aussteigen.“ Derzeit seien ja viele Leute unterwegs, die Handys aus unverschlossenen Fahrzeugen klauen. Nur, mit dem Abschließen, das sei „so eine Sache“, sagt der Fahrer. „Das geht nicht immer, wir fahren ja oft richtig alte Schrottkarren.“ Und dabei arbeite er als sein eigener Chef. „Wir sind ja alles Subunternehmer.“

Andreas Lyra neigt den Kopf. Eine Frage noch: „Haben Sie die Unterschrift richtig gefälscht? Oder nur den Namen so hingeschrieben?“ Der 52-Jährige beteuert: „Ich habe die Unterschrift nicht nachgemacht, ich habe nur den Namen geschrieben.“

Auf Urkundenfälschung stehen Strafen bis zu fünf Jahren. In diesem Fall ist kein Schaden entstanden, der Angeklagte ist einsichtig und reumütig. Gelegenheit zur Milde. Lyra: „Ich rege an, das Verfahren gegen eine geringe Auflage einzustellen.“ Die Stiftung Deutscher Schlaganfallhilfe darf sich über 300 Euro freuen. Der Paketfahrer wird sie in Raten bezahlen.

Von Olaf Moos

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