Amtsgericht: Unterwegs mit der Klautüte

Lüdenscheid - Hausverbot? „So was gibt’s in meiner Heimat gar nicht“, übersetzt der Dolmetscher. Der dünne Mann mit dem Irokesenschnitt neben ihm nickt. „Deshalb erkennt er die Tragweite auch gar nicht.“ Aber Klauen, Prügeln und Lügen – die Tragweite dieses Tuns hat er jetzt gelernt. Vor zehn Monaten kam er aus Algerien mit dem Schiff nach Italien und mit dem Zug über Österreich nach Deutschland. Seine Freiheit dauerte nicht lange. Seit Oktober sitzt der 24-Jährige in U-Haft.

Die Ladendetektive aus der Innenstadt kommen mit den Terminen in der Anklageschrift schon leicht durchein-ander, so oft haben sie den Ladendieb erwischt. Ob bei Douglas oder im Drogeriemarkt Müller oder bei H & M im Stern-Center oder im TK Maxx am Rathausplatz – stets war der Mann mit einer präparierten Tasche unterwegs, einer sogenannten Klautüte, die innen mit Aluminiumfolie ausgeschlagen ist.

Der Vorsitzende des Schöffengerichts, Amtsrichter Jürgen Leichter, erklärt: „Damit die Warnsysteme beim Verlassen des Geschäftes nicht auslösen.“ Der Angeklagte zuckt mit den Schultern. Davon wisse er nichts. Er habe die Tasche von einem Bekannten bekommen. „Den kenne ich aber gar nicht.“

Mutmaßlich war er mit diesem unbekannten Bekannten zusammen auf Diebestour. Im Drogeriemarkt verschwindet Parfüm für 340 Euro in der Klautüte, bei Douglas ein Flacon für 89 Euro. Und bei H & M eine Hose und eine Mütze für knapp 50 Euro. Jedesmal greift ein Detektiv zu. Es kommt zu Rangeleien, Polizeieinsätzen, Strafanzeigen und – eben zum lebenslangen Hausverbot. Der Angeklagte sagt: „Das habe ich gar nicht verstanden.“ Deshalb sei er wieder ins Stern-Center gegangen. Das Gericht sieht von einer Verurteilung wegen Hausfriedensbruchs ab.

Die Staatsanwältin stuft den Klau der teuren Düfte als gewerbsmäßigen Diebstahl ein. Obwohl der Angeklagte beteuert, er habe das Parfüm einer Freundin namens Natascha schenken wollen. Die Mitnahme der Kleidungsstücke gehen als einfacher Diebstahl durch. Der schmerzhafte Angriff auf eine junge Polizistin als gefährliche Körperverletzung. Die Anklägerin: „Als Flüchtling ist er in einer schwierigen Lage.“

Das Gericht verurteilt den 24-Jährigen zu 14 Monaten mit Bewährung. Er darf aus dem Knast zurück in seine Unterkunft in Kierspe. Dort wird er bald erneut Post von der Justiz bekommen. Er soll ein Handy aus einem Auto geklaut haben.

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