Amtsgericht: Unterschrift ohne Daumen

Lüdenscheid - So, denkt er wohl, sieht in Deutschland Respekt vor der Würde des Gerichts aus: schwarzer Anzug, gebügeltes Oberhemd und Schlips, glatt rasiertes Kinn, die Haare schuhcremeschwarz nachgefärbt – der 66-Jährige erscheint im Sonntagsstaat vor Strafrichter Andreas Lyra. Belege aus einem Supermarkt aber sprechen dafür, dass er ein kleiner Betrüger ist. Im Kaufpark, sagt die Staatsanwältin, hat er dreimal per EC-Karte bezahlt, dreimal war das Konto nicht gedeckt. Schaden insgesamt: 113 Euro.

Von Olaf Moos

Die Beweisaufnahme gestaltet sich aus mehreren Gründen schwierig. Höchste Hürde der Wahrheitsfindung sind fehlende Vokabeln. Der Angeklagte ist, nun ja, kein Sprachtalent. Er hat einen Freund mitgebracht, der könnte, darf aber nicht dolmetschen. Strafverteidiger Carsten Hoffmann hatte keine Akteneinsicht und weiß ausnahmsweise nicht, wo die Glocken hängen. Doch der Richter ist eisern gewillt, den Prozess zu beenden. „Notfalls radebrechen wir eben.“

Die Einkäufe datieren vom 26. November bis 6. Dezember 2012. Der Rentner hat einen Buchungsbeleg dabei, der besagt: Er ist erst am 14. Dezember ‘12 aus Ankara zurückgekommen. Mit Händen und Füßen macht er dem Richter klar, dass er „immer März“ und „bis oft November“ in der Türkei sei und fügt ein sauerländisches „woll!?“ an.

Das sei ja nur die Buchungsbestätigung, aber kein richtiger Nachweis dafür, dass der Angeklagte tatsächlich zur Tatzeit in der Türkei gewesen sei, sagt Lyra. „Viel interessanter ist aber die Frage nach der Scheckkarte.“ Der Rentner versteht nicht richtig. Und sagt: „Keine Karte. Nie gehabt.“ Die Juristen ermitteln mit vereinten Kräften, dass die Bank ihrem Kunden eine neue Karte geschickt hat, als er im Ausland war. „Vielleicht ist sie ihm ja geklaut worden“, mutmaßt der Richter. Tatsächlich: Es stellt sich heraus, dass der 66-Jährige deshalb am 19. Dezember 2012 bei der Polizei Anzeige erstattet hat.

„Vieles“ spreche dafür, dass der Angeklagte die Quittungen an der Supermarktkasse nicht selbst unterschrieben hat. „Ihre eigene Unterschrift ist ja sehr zackelig“, sagt Andreas Lyra. Was daran liegt, dass dem Angeklagten der rechte Daumen fehlt. „Und die Unterschriften auf den Belegen sehen ganz anders aus – irgendwie flüssiger.“

Das Urteil lautet auf Freispruch. Der Angeklagte versteht nicht. Rechtsanwalt Hoffmann sagt zu seinem Mandanten: „Alles gut!“

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