Amtsgericht: Ungezügelte Konsumsucht

LÜDENSCHEID ▪ Er hat doch so gerne eingekauft. Das tun viele. Aber er soll deshalb ins Gefängnis für zwei Jahre und drei Monate. Denn die knapp 400 000 Euro, die er zwischen Januar 2006 und Oktober ’10 ausgegeben hat, gehörten nicht ihm – sondern einer bekannten Wohnungsbaugesellschaft aus dem hiesigen Raum. Dort war er als Buchhalter tätig. Und hat rund 100 Mal in die Barkasse mit den Mieteinnahmen gegriffen.

Vor dem Schöffengericht sitzt ein Mann (38), dem man den Beruf des Buchhalters quasi ansieht. Blässlich, still, in sich gekehrt, mit gebügeltem Hemd und unauffälliger Brille hört er sich reglos an, wie die Staatsanwältin länger als zehn Minuten Zahlenkolonnen zum besten gibt. Addiert ergeben sich aus 100 Einzelposten 2006: 54 400 Euro; 2007: 65 050 Euro; 2008: 84 800 Euro; 2009: 94 500 Euro. Januar bis Mitte Oktober 2010: 79 600 Euro. Eine weitere Steigerungsrate wurde gestoppt, weil im Büro endlich jemandem auffiel, nach fast fünf Jahren, dass Geld fehlt.

Doch das war alles schon ausgegeben. Für Kinofilme auf DVDs, Musik-CDs und Eintrittskarten für Konzerte. „Das sind Ausmaße, die ich nicht verstehe, die mich erschüttern und mir unendlich leid tun“, sagt er leise zu Richter Thomas Kabus. Er habe Sachen in seiner Wohnung gehabt, „die ich nicht brauchte“. Gekauft hat er sie trotzdem. 15 800 Unterhaltungsmedien stapelten sich in der kleinen Bleibe bis unter die Zimmerdecken. Tütenweise lagen Karten für Konzerte herum, teilweise mit Flugtickets nach London oder New York. Angetreten hat er die Reisen „hinterher gar nicht mehr“, sagt er. „Ich habe mich in Psychotherapie begeben, um nachvollziehen zu können, warum ich es nicht stoppen konnte.“ Was er schon weiß: Er musste seinem Arbeitgeber immer mehr Geld klauen, um die Rechnungen bezahlen zu können. „Unfassbar eigentlich.“

Strafverteidiger Dirk Löber verzichtet auf die Einholung eines psychologischen Gutachtens – und macht trotzdem verminderte Schuldfähigkeit wegen krankhaften Verhaltens geltend. Die Staatsanwältin beantragt zwei Jahre mit Bewährung. Die Kontrollinstanzen in dem Büro hätten nicht funktioniert. Außerdem habe der Angeklagte Selbstanzeige erstattet, die Wiedergutmachung eingeleitet, gestanden und der Justiz damit einen mühsamen Prozess erspart. „Anderenfalls würden wir bei ’vier Jahre plus’ liegen.“

Doch das Schöffengericht will von Bewährung nichts wissen. Thomas Kabus attestiert dem Buchhalter eine „erhebliche kriminelle Energie über einen langen Tatzeitraum“. Rechtsanwalt Löber kündigt Berufung an.

Olaf Moos

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