Amtsgericht: Dem „Übermaßverbot“ vorgebeugt

Lüdenscheid - 20 Monate hat er sich gefangen, unter anderem wegen Diebstahls, seine 13. Verurteilung. Am 27. März kommt er frei. Am 18. Juni hat er Durst – aber kein Geld mehr, wie er sagt. „Es reichte hinten und vorne nicht.“ Er klaut im Supermarkt eine Flasche Wodka Jelzin für 6,99 Euro. Und kriegt es mit Strafrichter Andreas Lyra zu tun.

Der erweist sich wieder einmal als Freund deutlicher Worte. „Mit Verlaub: ziemlich dämlich“ nennt er die Tat des arbeits- und wohnungslosen 37-Jährigen. Und weiter: „Mal angenommen, ich verurteile Sie zu einer Freiheitsstrafe – warum sollte ich die zur Bewährung aussetzen? Erklären Sie mir das doch mal, bitte!“ Der Angeklagte kann „nichts Überzeugendes zu seiner Entlastung vortragen“, sagt der Vertreter der Staatsanwaltschaft und beantragt vier Monate „ohne“. Der Beschuldigte stammelt: „Tut mir wirklich leid.“

Die Frage, ob noch einmal Bewährung oder nicht, stellt Strafverteidiger Dominik Petereit vor ein Argumentations- und ein Formulierungsproblem. „Wir müssen hier aus einem großen Scherbenhaufen eine Geige schnitzen.“ Er regt an, seinen Mandanten auf freiem Fuß zu lassen und ihn zu einer Therapie zu zwingen. Das sei besser als ihn mit „Suchtdruck“ zu inhaftieren und Gefahr zu laufen, dass er nach der Haftentlassung wieder Alkohol klaut.

Der Richter hat ein Einsehen. Nicht darin, dass der Angeklagte geläutert den Saal verlässt, fortan „sauber“ bleibt und nie wieder vor dem Kadi erscheinen muss. „Nein, ich bin nicht zwingend überzeugt davon, dass es gut geht“, sagt Andreas Lyra.

Aber seine Erfahrung mit der nächsten Instanz scheinen prägend zu sein. Bei einem Beutewert von knapp sieben Euro werde die Berufungskammer am Landgericht Hagen sein Urteil ohne Bewährung „sowieso herunterschrauben“ und vielleicht in eine Geldstrafe verwandeln. Lyra: „Das wird da offensichtlich nicht besonders ernstgenommen.“ Das „Übermaßverbot“ lasse den Vollzug einer Freiheitsstrafe für ein Bagatelldelikt kaum zu. Ein zweites Verfahren und noch höhere Kosten – der Richter winkt ab. „Darauf habe ich einfach keine Lust mehr“.

So bleibt der Ladendiebstahl des notorischen Wiederholungstäters milde gesühnt. Und angesichts der 6,99 Euro teuren Beute sagt Andreas Lyra: „Das kann die Gesellschaft verschmerzen.“

Olaf Moos

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