Amtsgericht: Trinkgeld im Gerichtssaal

Lüdenscheid - Es gibt Trinkgeld im Saal 125 des Amtsgerichts. Acht Euro schuldet der Angeklagte (40) dem Türsteher der Kneipe Im Stock. Doch er drückt ihm einen Zehner in die Hand und sagt generös: „Behalt’ den Rest!“ So gibt es – ein knappes Jahr nach der kleinen Zechprellerei – wenigstens den strafrechtlich erwünschten Täter-Opfer-Ausgleich. Der Rest der Geschichte klingt eher traurig.

Sie beginnt im Stock, am 4. Oktober gegen 22.30 Uhr. Zwei Männer, finanziell völlig abgebrannt, genehmigen sich ein Bierchen. „Und beim Rausgehen habe ich dann gemerkt, dass ich gar kein Portemonnaie mithabe.“ Dabei wollte er dem Kumpel doch einen austun. Doch der „Türer“ ist kein Unmensch. Er kennt den Zecher und nimmt ihm ein Versprechen ab. Die beiden Gäste trollen sich.

„Ungefähr 30mal bin ich bei ihm gewesen“, sagt der freundliche Türsteher. Immer im Amalie-Sieveking-Haus, in dem wohnungslose Männer leben. Und immer wieder abgewimmelt, vertröstet, „vereimert“ worden, wie der Zeuge sagt. Der Strafrichter wirft ein: „Irgendwann ist ja auch mal Schluss.“ Der Angeklagte erklärt: „Ich habe gar nicht mehr mit dem gesprochen. Ich hatte doch nur 48,50 Euro Taschengeld im Monat.“ Und dann die Strafanzeige. Wegen acht Euro. Staatsanwältin Ina Pawel hält „wegen des besonderen öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung ein Einschreiten von Amts wegen für geboten“.

Das besondere Interesse begründet sich in erster Linie im langen Vorstrafenregister des arbeits- und obdachlosenlosen, alkohol- und drogensüchtigen Mannes. 19 Eintragungen finden sich darin, einige Schwarzfahrten, Diebstähle, Beleidigung, Bedrohung – und zuletzt eine versuchte gefährliche Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Dafür gab es eine Bewährungsstrafe. Die Zechprellerei im Stock macht ihn zum Bewährungsversager. Der Angeklagte sagt: „Ich will an meinem Suchtproblem arbeiten.“ Seine Freiheit steht auf dem Spiel.

Die Staatsanwältin stellt einen „gemäßigten“ Strafantrag, wie der Richter sagt. Es seien Ansätze sichtbar, dass er sein Leben ändern wolle. Strafverteidiger Timo Sasse sagt, sein Mandant habe den Schaden wiedergutgemacht. Der 40-Jährige hat das letzte Wort. „Mir fällt gerade nix ein.“ Das Urteil: 150 Euro Geldstrafe, zahlbar in Raten. Ohne Trinkgeld. - von Olaf Moos

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