Amtsgericht: Sechs Delikte in einer einzigen Nacht

Lüdenscheid - Das ist für den 52-jährigen Handwerker eine neue Erfahrung. Er kommt – zugegeben: ein bisschen beschwipst – nachts gegen 2 Uhr mit einem Kollegen von der Weihnachtsfeier, sieht auf der Parkstraße einen VW Passat vor einen Baum krachen, nähert sich und fragt: „Können wir helfen?“. Und der Bruchpilot, der mit zwei Kumpels gerade die Kennzeichen abschraubt, antwortet: „Verzieh dich, du Nazi!“

Von Olaf Moos

Das ist nur ein Teil der Geschichte des 21. Dezember 2013. Er geht weiter mit einem Streit, Tritten und Schlägen gegen den braven Handwerker, einem unfriedlichen Polizeieinsatz und einer Strafanzeige wegen Widerstandes, Beleidigung und vorsätzlicher Körperverletzung. Dafür verurteilte Strafrichter Jürgen Leichter den sechsfach vorbestraften 21-jährigen Leiharbeiter im Frühjahr zur Ableistung von 100 Sozialstunden.

Den anderen Teil der Geschichte arbeitet die Justiz in einem zweiten Verfahren ab. Jetzt sitzt der Lüdenscheider noch einmal wegen der Ereignisse jener Nacht auf der Anklagebank. Diesmal wegen Trunkenheit im Verkehr, Fahrens ohne Fahrerlaubnis und Unfallflucht.

Es war das Auto seines Vaters, das der Angeklagte ohne dessen Erlaubnis, ohne „Lappen“, aber dafür mit zwei Freunden im Font und 1,5 Promille im Blut steuerte. Das streitet der Lüdenscheider nicht ab. Und sagt: „Eigentlich kann ich gar nicht Auto fahren.“ Denn er hatte noch nie einen Führerschein. Aber es sei ein blöder Tag gewesen. Sein Onkel habe eine Krebs-Diagnose gekriegt und seine Freundin Schluss gemacht.

Warum er nach der Havarie abgehauen ist, will der Richter noch wissen. Antwort: „Ich war voll im Schock.“ Der Handwerker sagt dazu noch einmal aus. Er weiß, wie es zur Unfallflucht gekommen ist. „Die Stimmung wurde unentspannter, als wir die Polizei anrufen wollten.“ Die Freunde des Fahrers raten ihm, besser zu verschwinden. Der 21-Jährige verfolgt den Zeugen dennoch prügelnd bis zur Einmündung Sachsenstraße – und weg von der Unfallstelle.

50 der 100 Sozialstunden sind erst erledigt. Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe sieht trotzdem eine positive Entwicklung beim Angeklagten – inklusive Realschulabschluss und Job. Leichter warnt ihn: „Halten Sie die Füße still!“ Er verhängt eine Geldbuße über 1000 Euro und ein halbes Jahr Sperre der Fahrerlaubnis.

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