Amtsgericht: „Rolle rückwärts“ statt Konfliktverteidigung

Lüdenscheid - Mit allen juristischen Finessen – notfalls auf dem Rücken der Belastungszeugin – wollte die Strafverteidigerin ihren Mandanten vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs einer widerstandsunfähigen Frau reinwaschen. So dermaßen konfliktorientiert, dass der Staatsanwalt ankündigte: „Mir platzt gleich die Hutschnur!“ Denn die Indizien gegen den hartnäckig schweigenden Mann wogen schon am ersten Verhandlungstag schwer.

Jetzt also die „Rolle rückwärts“. Der Angeklagte macht immer noch keine Aussage. Aber schon während der einstündigen Warterei auf den Beginn der Prozesses weint er auf dem Gerichtsflur eine ganze Batterie von Tempotüchern nass. Tränenüberströmt betritt er schließlich den Saal, eskortiert von seiner Verteidigerin und drei ebenfalls weinenden Damen aus der Verwandtschaft. Und entgegen allen Erwartungen zieht Christina Dissmann sieben ihrer acht Beweisanträge zurück – und gibt für ihren Mandanten eine Erklärung ab.

Den Bericht zum ersten Verhandlungstag lesen Sie hier.

Ja, er habe sich zu ihr aufs Bett gesetzt. Ja, er habe sie zunächst massiert, ihr dann die Hose ausgezogen und im Intimbereich berührt. „Er dachte, sie findet es angenehm.“ Und: „Er ging davon aus, dass sie wach ist.“ Per Handy habe er sich kurze Zeit später bei ihr entschuldigt. „Er bedauert es sehr, und er will 1000 Euro Schmerzensgeld an die Geschädigte zahlen.“

Ein Schuldeingeständnis also. Trotzdem beantragt die Rechtsanwältin einen Freispruch. Denn der Bundesgerichtshof habe höchstrichterlich festgestellt, dass im Falle einer „fahrlässigen Fehlannahme“ der Vorsatz entfalle. Und weil ihr Mandant geglaubt habe, seine Angebetete ist wach, habe er sie auch nicht für widerstandsunfähig gehalten.

Der Staatsanwalt und Nebenklage-Vertreter Dominik Petereit halten das für eine „Schutzbehauptung“, wie sie sagen. Der Strafrahmen reicht von zwei bis zehn Jahren Gefängnis. Der Vertreter der Anklage bleibt mit seinem Antrag am untersten Ende – und befürwortet die Strafaussetzung zur Bewährung. Zusätzlich zum Schmerzensgeld fordert er eine Zahlung von 1000 Euro an eine gemeinnützige Organisation.

Das Schöffengericht berät bis zum Abend. Das Urteil: ein Jahr mit Bewährung.

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