Amtsgericht: Zum Prozess Anreise aus Bosnien

Lüdenscheid - Für diesen Strafprozess musste der Angeklagte verdammt weit anreisen. Rund 1500 Kilometer sind es von Sarajevo in Bosnien und Herzegowina bis zum Dukatenweg. Aber an lange Touren ist der 55-Jährige gewöhnt. Er ist Fernfahrer. Am 13. März hat er auf der A45 zwischen Lüdenscheid Nord und Mitte einen Unfall gebaut – und ist einfach abgehauen.

Es erwischt einen braven Werkzeugmacher aus Lüdenscheid. Der 46-Jährige ist mit seinem BMW gegen 16.40 Uhr auf der Strecke zwischen den Anschlussstellen Nord und Mitte unterwegs. „Es war zähfließender Verkehr“, erinnert er sich im Zeugenstand. „Stop and go!“ Als er gerade angehalten hat, setzt sich sein Wagen wie von Geisterhand in Bewegung. Er tritt auf die Bremse, rutscht aber noch ein paar Meter vorwärts. „Da habe ich in den Rückspiegel geguckt und nur noch diesen riesigen Laster hinter mir gesehen.“

Dessen Fahrer steigt kurz aus, betrachtet den Schaden, klettert wieder ins Führerhaus und fährt davon. Der BMW-Fahrer: „Ich dachte erst, er fährt auf den Standstreifen, damit wir unsere Personalien austauschen können.“ Aber nichts da! Der bosnische Trucker gibt Gas, der Lüdenscheider Werkzeugmacher jagt hupend hinterher – und macht schließlich mit seinem Handy Fotos von dem Sattelschlepper, samt Kennzeichen. Damit fährt er zur Polizei.

Der Mann auf der Anklagebank stellt sich stur. Er habe keinen Unfall gebaut, übersetzt der Dolmetscher. „Der Wagen vor mir war schon kaputt.“ Er habe nur Kunststoffteile herumfliegen sehen. Strafrichterin Kristina Thies fragt nach. Der Angeklagte knickt ein. „Es stimmt, was der Zeuge sagt. Ich glaube, ich habe ihn berührt.“ Aber nicht er, sondern der Mann in dem BMW sei davongefahren. Der Zeuge lacht. Die Versicherung hat den Schaden beglichen: 3158,53 Euro.

Seit der Geschichte lässt ihn seine Spedition nicht mehr fahren. Staatliche Hilfe bekommt er nicht, lebt von Erspartem, sagt er. Die Richterin verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 400 Euro. Und er darf in Deutschland drei Monate lang nicht Auto fahren. Der Verurteilte: „Ich weiß nicht, wovon ich die 400 Euro bezahlen soll.“ Und ob er denn wohl die Fahrtkosten erstattet bekomme. Die Richterin antwortet: „Nein!“

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