Amtsgericht: Pralles Leben und kaputte Scheibe

Lüdenscheid - Pralles Leben im Stadtteil Kluse. Dazu gehört wohl auch, sich über den Besitzer einer Trinkhalle zu empören, der plötzlich Feierabend macht – morgens um 5.20 Uhr. „Aus Ärger darüber, dass die Tür verschlossen war“, steht in der Anklageschrift, habe der 25-jährige Hilfsarbeiter die Scheibe eingeschlagen. Und sich damit der vorsätzlichen Sachbeschädigung schuldig gemacht. 150 Euro Sachschaden. Doch der Angeklagte sagt: „Das war keine Absicht.“

Wieviele Promille er zur Tatzeit am 23. Januar im Blut hatte, wurde offenbar nicht festgestellt. Er sagt, er habe mit ein paar Bekannten „gefeiert“. Der Besitzer der Trinkhalle habe mitgetrunken. „Mal Bier, mal Schnaps, mal Whisky.“ Als er dann auf dem Heimweg war, habe er sein Handy vermisst, vergessen zwischen leeren Flaschen und vollen Aschenbechern. Also zurück. „Aber da war die Tür zu, das Licht an und die Musik laut.“ Da habe er angeklopft. „Und auf einmal war die Scheibe kaputt.“

Oberamtsanwalt Lehmann hat schon mal strenger dreingeschaut. Er fragt: „Die Tür bestand ja nicht nur aus Glas. Hätte man da nicht auch woanders anklopfen können?“ Die Antwort des großgewachsenen Maschinenbedieners lautet: „Ich habe intus gehabt. Vielleicht habe ich meine Kraft unterschätzt.“ Seine Schnittverletzungen an den Händen seien noch am Morgen im Klinikum versorgt worden.

Jedenfalls sei er gleich am nächsten Tag zur Trinkhalle und habe sich bei dem Wirt entschuldigt. „Wir haben das geklärt, und ich habe ihm sofort gesagt, dass ich die Scheibe bezahle.“ Die Rechnung des Glasers beträgt 243 Euro. Zwei Raten, und die Sache ist erledigt. Der Wirt sagt zu, die Strafanzeige gegen seinen Kunden zurückzunehmen.

Doch die Mühle der Justiz ist schon angelaufen. Die Frau des Wirtes erleidet kurz darauf einen Schlaganfall, „da hatte er keine Zeit, die Anzeige zurückzunehmen“, sagt der Angeklagte. Der Brief erreicht Strafrichter Thomas Kabus Ende Mai, da ist bereits Anklage erhoben und der Prozess terminiert.

Die Frage nach dem öffentlichen Interesse an der Strafverfolgung wird laut – und flugs verneint. Kabus stellt das Verfahren gegen den 25-Jährigen ein – ohne irgendwelche Auflagen.

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