Amtsgericht: Das Opfer brennt, der Täter lacht

LÜDENSCHEID – Das verächtliche Grinsen vergeht dem Angeklagten erst, als er den Antrag des Staatsanwaltes hört: dreieinhalb Jahre wegen schwerer Körperverletzung, selbstverständlich ohne Bewährung. Und als das Schöffengericht das Urteil verkündet – zweieinhalb Jahre, natürlich auch ohne Bewährung – kehrt das Grinsen nicht zurück. Dabei ist er billig davon gekommen. Denn er hat am 5. September einen betrunkenen jungen Mann mit Spiritus übergossen und angezündet. Amtsrichter Thomas Kabus bescheinigt dem 22-Jährigen „menschenverachtendes Verhalten“.

Die Frage nach dem „Warum?“ kreist durch den Gerichtssaal. Die Juristen liefern nur magere Erklärungsversuche. Der Ankläger spricht von einer „furchtbaren Sache“ und bleibt ratlos. „Das gibt’s eigentlich nicht!“ Strafverteidiger Friedhelm Wolf spricht seinem Mandanten jegliche Fähigkeit ab, die Tragweite des Verbrechens erkannt zu haben. „Er hat’s einfach nicht geblickt.“ Und der Vertreter der Nebenklage, Rechtsanwalt Dominik Petereit, zeigt auf den immer noch nicht vollständig genesenen Studenten. „Er ist der geborene Opfertyp.“

Und war so wehrlos, wie man es nur sein kann. So sturzbetrunken, dass er sich an nichts erinnert. Später im Krankenhaus – „ich stand unter Schmerzmitteln und 15 verschiedenen Medikamenten“ – gibt er bruchstückhaft zu Protokoll, was ihm Zeugen des schrecklichen Geschehens berichtet haben.

Das harmlose Besäufnis mit Sekt, Ouzo und Bier gilt der Freude über den frisch erworbenen Studienplatz. Ein Freund und eine Bekannte des Studenten sitzen in einem Wohnzimmer an der Körnerstraße – friedlich schlafend nach dem Gelage. Bis der arbeitslose Schulabbrecher an der Tür klingelt und seinen Hass auslebt. Er beginnt damit, ein Deospray mithilfe eines Feuerzeugs als Flammenwerfer auf den Arglosen zu richten. Der kann die Flammen auf seiner Kleidung mit der Hand auspatschen.

Der Freund des Betrunkenen erinnert sich. „Er hat gesagt ’Ich will dich brennen sehen’ und hat Spiritus aus der Küche geholt.“ Als der hagere Mann in Flammen steht, rennt er in blinder Panik durch die Wohnung, ins Bad, ins Schlafzimmer, sein Freund hinterher, um zu löschen. Mit einer Bettdecke gelingt es. Der Täter steht dabei und lacht.

Bei der Schilderung ringt der schüchterne Student im Gerichtssaal um Fassung. Sein Augenzucken und die Stoßatmung verraten, dass er nicht nur körperlich schwer verletzt ist. Die an den Beinen und am Bauch sichtbaren Entstellungen – 20 Prozent seiner Haut sind verbrannt – wird er bis zum Lebensende tragen. Sechs Wochen Klinikum und sieben Operationen hat er hinter sich. Verteidiger Friedhelm Wolf kündigt Berufung an.

omo

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