Amtsgericht: Ohrfeigen bleiben ungesühnt

LÜDENSCHEID ▪ Gegenstand des Strafverfahrens ist eine Ohrfeige. Und das Scheitern der Beziehung eines jungen Paares mit Baby. Nur: Es gab wohl viele Ohrfeigen auf beiden Seiten, an eine einzelne kann sich die junge Mutter nicht erinnern. Das macht die Wahrheitsfindung für den Strafrichter schwierig. Und erhöht die Chance für den Angeklagten (22) auf einen glimpflichen Ausgang des Prozesses.

Amtsrichter Thomas Kabus versucht pflichtgemäß trotzdem, Licht in die Sache zu bringen. Es geht um den 26. September. „Wir hatten Streit“, sagt der junge Mann. Er hatte sich den Zweitschlüssel zu ihrer Wohnung geschnappt. Sie wollte ihn rauswerfen. „Da sind mir die Sicherungen durchgebrannt, ich habe ihr eine kleine Ohrfeige gegeben, so dass sie zu Boden fiel.“ Kabus: „Das muss ja schon mehr als eine kleine Ohrfeige gewesen sein.“

Die Verflossene des Angeklagten, eine zierliche 21-jährige Verkäuferin, tritt in den Zeugenstand. Sie soll sich bitte erinnern, sagt der Oberamtsanwalt. Es gehe hier schließlich um ihre Anzeige wegen Körperverletzung. Aber die Zeugin ist überfordert. „Wir hatten mal wieder Streit. Das war, glaube ich, im März.“ Der Richter korrigiert sie: „September!“ Die Zeugin: „Ich weiß nicht mehr, aber vielleicht habe ich ihn vorher ja auch gehauen.“ Ohne Grund habe er sie ja nie geschlagen.

Die Juristen wirken nun leicht genervt. Und als die Rede auf ein Messer kommt, dass die junge Mutter gezückt haben soll und sich herausstellt, dass er den Schlüssel kurz nach der fraglichen Nacht wieder zurückgegeben hat und die ganze Angelegenheit „zwischen uns geklärt“ ist, wie der 22-jährige Arbeitslose sagt – da rückt für ihn die Einstellung des Verfahrens in greifbare Nähe.

„Zwischen uns geklärt“ bedeutet, dass er ohne festen Wohnsitz und ohne Arbeit auf sich allein gestellt ist und sein Töchterchen nach festen Regeln besuchen darf. Amtsrichter Thomas Kabus ermahnt das junge Ex-Paar. „Man sollte respektvoller miteinander umgehen.“ Und: „Das Kind muss ja nicht unbedingt mitkriegen, dass die Eltern sich prügeln.“ Das Verfahren gegen den 22-Jährigen wird eingestellt.

Vor dem Gerichtsgebäude bleibt’s danach friedlich. Ein gemeinsames Zigarettchen – „und tschüs“.

Olaf Moos

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