Amtsgericht: Offene Fragen um schwere Körperverletzung

Lüdenscheid - Vielleicht hat der alte Mann ja wirklich angefangen. Vielleicht hat der Hauptangeklagte (28) sich tatsächlich nur gewehrt. Was wirklich passiert ist am Abend des 3. Januar 2014 in diesem Hausflur am Asenberg – das hat Strafrichter Thomas Kabus trotz langer Verhandlung mit acht Zeugenaussagen noch nicht endgültig enträtseln können.

Klar scheint aber zu sein: Der 71-Jährige wird nach dem Fausthieb wohl bleibende Schäden zurückbehalten. Anklage lautet unter anderem auf schwere Körperverletzung.

Die Geschichte beginnt mit einem Saufgelage dreier junger Männer. „Wir haben uns zu dritt drei Flaschen Wodka geteilt“, berichtet der Arbeitslose. Und sein Kumpel (27), ein Fabrikarbeiter, angeklagt wegen unterlassener Hilfeleistung, fügt hinzu: „Wir waren in Feierlaune.“ Deshalb habe man sich noch in die Stadt fahren lassen wollen.

Während unten schon das Taxi wartet, muss sich der 28-Jährige in seiner Wohnung noch eben eine vernünftige Hose anziehen. Die Kumpels unten „gröhlten rum“, erinnert sich ein Nachbar. Einer von ihnen geht in den Hausflur, ruft nach oben und will in den ersten Stock. Da versperrt der Rentner ihm den Weg. „Was willst du, hau ab hier“, soll er gesagt und den 27-Jährigen mehrfach geschubst haben.

Der Mann mit der frischen Hose kommt hinzu. „Ich wollte dazwischengehen, ohne Gewalt“, beteuert er. „Da hat er mich ohne Vorwarnung mit der Faust ins Gesicht geschlagen.“ Gegen einen weiteren Hieb „habe ich mich verteidigt und ihm auch einen Schlag gegeben“. Danach liegt der alte Mann bewusstlos am Boden. Der Schädelknochen an der Stirn ist gebrochen, die Ärzte finden ein „subdurales Hämatom“, wie ein Neurochirurg sagt: eine Blutung im Gehirn.

Merkwürdig ist, dass die Pantoffeln des Rentners im Hausflur stehen – die Nachbarn ihn aber in seiner Küche auffinden. Der Angeklagte: „Wir sind irgendwie in die Wohnung gefallen.“ Daran kann sich das Opfer nicht erinnern. „Ich weiß nicht, was passiert ist, ich muss umgefallen sein.“

Drei Tage Intensivstation, 16 Tage stationär, fast zwei Monate Reha, das weiß er noch. Dass er 20 Kilo abgenommen hat seither. Und dass er mindestens zehnmal Anzeige gegen den jungen Nachbarn erstattet und sich vier- oder fünfmal bei der Hausverwaltung beschwert hat. „Es war nachts oft sehr laut.“ Der Nachbar habe ihm gesagt: „Wenn du mich noch ein einziges Mal anzeigst, bist du tot.“ Der Neurologe schließt dauerhafte Antriebsschwäche und Charakterveränderungen durch das Trauma nicht aus. Richter Kabus will weitere Zeugen hören.

Der Prozess wird am 28. August, 9 Uhr, im Saal 125 fortgesetzt.

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