Amtsgericht: „Nur ein bisschen rumgezappelt“

Lüdenscheid - Fast 65 Jahre lang ist er unbescholten durchs Leben gegangen, Frau, Kind, Arbeit, alles in Ordnung. In der Nacht zum 5. Oktober ist es damit vorbei. Da findet er sich angetrunken und verletzt in Handschellen in einem fremden Hausflur in Brügge wieder und hat eine Anzeige wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte am Hals.

Dabei, sagt er, habe er nur helfen wollen. „Schon am Vortag habe ich mir Sorgen um einen psychisch kranken Bekannten gemacht.“ Der habe sich nicht mehr gemeldet, sei nicht ans Telefon gegangen – „also bin ich dahin, habe geschellt, um in den Hausflur zu kommen und wollte seine Tür öffnen“.

Doch die Nachbarn möchten lieber schlafen, es ist 0.30 Uhr, und rufen die Polizei. Was sich im Treppenhaus genau abspielt, bleibt ungeklärt. In der Anklage heißt es, die Beamten hätten dem Mann Handschellen angelegt, „um die Tür zu schützen“. Dabei habe einer der Polizisten eine „Schürfwunde am Ellenbogen erlitten“.

Strafverteidiger Bernd Eisenhuth hat Fotos mitgebracht, die die Verletzungen seines Mandanten zeigen, blaue Flecken und eine Beule. Sagt aber auch: „Es tut ihm leid, er hat sich schlecht benommen .“ Die Polizisten seien halt auch sauer gewesen. Der Angeklagte, groß, massig, aber nervös und eingeschüchtert, sagt, er habe bei der Fesselung keinen Widerstand geleistet. „Nur ein bisschen rumgezappelt, aber das ist ja normal.“ Er sei chronisch krank und habe keine Luft mehr bekommen. Ein Polizist habe ihm den Kopf an die Wand gehauen.

Strafrichterin Kristina Thies stellt das Verfahren gegen eine Geldauflage ein, 300 Euro an der Kinderschutzbund. Der 65-Jährige bleibt ohne Vorstrafe. Er geht nach Hause, wo er seine geschiedene Frau pflegt. Und hofft auf seinen Rentenbescheid, „so um die 500 Euro“. Die Richterin fragt: „Was ist denn aus Ihrem Bekannten geworden?“ Antwort: „Keine Ahnung, keinen Kontakt mehr.“

Von Olaf Moos

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