Amtsgericht: Der nächste Tiefpunkt im Leben

Lüdenscheid - Seine Jungs, 14 und 17 Jahre jung, haben in der Stadt oft „mit kriminellen Typen rumgehangen“, sagt der Vater. „Dann sind sie betrunken und bekifft nach Hause zu ihrer Mutter gekommen.“ Und er habe doch nur gewollt, dass sie aus der Szene herauskommen. Deshalb habe er die Jungs an der Haschischpfeife ziehen lassen – in seiner Wohnung, kontrolliert gewissermaßen. „Gut gemeint“ ist aber oft das Gegenteil von „Gut gemacht“.

Wer die Anzeige erstattet hat, bleibt offen. Sechs Mann hoch taucht die Polizei jedenfalls bei ihm auf, durchsucht die Wohnung – und findet 2,6 Gramm Marihuana. Die betagte Vermieterin ist entsetzt und schmeißt ihren Mieter fristlos raus. Das ist der nächste Tiefpunkt im Leben des 39-Jährigen: Er muss sich bei der Caritas anmelden, damit er wenigstens eine Postadresse hat.

Der Vorsitzende des Schöffengerichts, Amtsrichter Jürgen Leichter, sagt: „Es fällt mir schwer, Ihr Handeln als pädagogisch sinnvoll zu erachten.“ Man kriege die jungen Leute nicht von Drogen weg, indem man sie zusammen mit ihnen konsumiere. Das weiß der Angeklagte jetzt auch, aber es ist zu spät. Seine dritte Verurteilung – nach versuchtem Raub und Trunkenheit im Verkehr – steht unmittelbar bevor. Daran kann auch Strafverteidiger Rolf Holthaus nichts mehr ändern.

An der Vergangenheit seines Mandanten sowieso nicht. Dessen Mutter stirbt, als er zehn ist. Die Hauptschule schafft er, die Handelsschule danach nicht. Auch die Lehre zum Elektroinstallateur bricht er ab – wegen Drogenkonsums. Er wird jung Vater, jobbt sich durch den Alltag, bekommt noch einen Sohn, trennt sich von seiner Lebensgefährtin, begeht Straftaten, rutscht in die Drogenszene ab, wird süchtig, absolviert eine Therapie, wird rückfällig. Als er im Juli nach dem Polizeieinsatz die Wohnung verliert, „hatte alles keinen Sinn mehr“, sagt er zum Richter. Doch der Versuch, sich mit Drogen, Alkohol und Tabletten das Leben zu nehmen, scheitert.

Gemessen an dieser Biographie erscheint das Strafmaß milde: ein Jahr mit Bewährung, 50 Sozialstunden und mindestens ein Jahr ambulante Suchttherapie.

Von Olaf Moos

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