Auswege aus dem Dilemma

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Lüdenscheid - Ein 23-jähriger psychisch kranker Mann drangsaliert jahrelang Mitbewohner und Pflegepersonal in einer Wohneinrichtung an der Kölner Straße sowie Passanten. Das Amtsgericht verweist den Fall an die nächsthöhere Instanz, um eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus prüfen zu lassen.

Der Forensische Psychiater Dr. Michael Mattes erinnert sich an seinen Versuch, den Angeklagten (23) in einer Wohneinrichtung an der Kölner Straße zu untersuchen. „Er sagte: 'Wenn ich in den Knast komme, mach' ich dich kalt'.“ 

Und er berichtet über ein Gespräch mit dem Regionalleiter des Trägerverbandes der Einrichtung. „Er meinte: 'Wir sind völlig verzweifelt, die Mitarbeiter werden krank, wir schaffen das nicht, der muss hier raus'.“ Die Polizei sage, sie habe „die Schnauze voll“. Und die Eltern fühlten sich im Stich gelassen. 

Immer wieder leiden vor allem junge Heilerziehungs-Pflegerinnen unter gewalttätigen oder sexuell motivierten Übergriffen des Klienten. Es hagelt Strafanzeigen und kurzfristige Einweisungen in die „Geschlossene“. 

Auch auf der Straße oder im benachbarten Supermarkt fallen arglose Passanten den Schlägen und Tritten des massigen Mannes zum Opfer. 

Es droht die Obdachlosigkeit

Dessen Verteidiger, Rechtsanwalt Marcus Tillmann, berichtet über eine Kündigung des Heimvertrages. Eine Räumungsklage ist anhängig. „Das würde für ihn die Obdachlosigkeit bedeuten.“ 

Der gesetzliche Betreuer habe zwischen Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern nach einem Heimplatz gesucht. Ohne Erfolg. „Bei der Biographie.“ 

Nun also der Strafprozess. Staatsanwältin Claudia Kersebaum erhebt eine Reihe von Vorwürfen – Körperverletzungen, tätliche Beleidigung, Widerstand, sexuelle Nötigung, Bedrohung. 

Der Angeklagte brummt: „Ich fühle mich so komisch in mir. Wenn ich misshandelt werden, stürzt ein System in mir zusammen. Ich mache das nur, um mich zu verteidigen.“ An Details erinnere er sich nicht. 

Die Diagnose lautet auf paranoide halluzinatorische Psychose. Tillmann: „Er ist selbst Opfer, er ist das ärmste Schwein.“ Und schuldunfähig. 

Einmal monatlich, sagen die Beschäftigten des Hauses, komme ein Arzt zur Visite. Daran nehme der 23-Jährige kaum teil. Ein Pfleger sagt, der Angeklagte verweigere Medikamente. „Aber wir können ihn nicht zwingen.“ 

"Ich dachte, ich muss sterben"

Eine seiner Kolleginnen schildert unter Tränen, wie der Klient am 1. Januar auf sie losgegangen ist und sie am Hals gepackt hat. „Ich dachte, ich muss sterben.“ Seither sei sie krankgeschrieben und konsultiere wöchentlich eine Trauma-Ambulanz. „Ich kann das nicht mehr, ich muss mir einen neuen Job suchen.“ 

Dr. Mattes sagt, es fehle an Stringenz. „Er wird nicht richtig behandelt.“ Es könne nicht angehen, dass der Mann Menschen verletzt, fünf Minuten später sein Taschengeld fordert und rausgeht, um sich Zigaretten zu kaufen. 

Claudia Kersebaum beantragt, das Landgericht über eine Unterbringung des Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus entscheiden zu lassen. Strafrichter Lyra folgt dem Antrag.

Auf eine sofortige einstweilige Unterbringung verzichtet er. Der 23-jährige kehrt zurück zur Kölner Straße.

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