Amtsgericht: Ganovenehre und Abitur

Lüdenscheid - Solch salbungsvolle Worte wie „Sie sind ein ehrlicher Kerl“ hören Straftäter selten vor Gericht. Ein alter „Knacki“ wie der 57-jährige mit etwa 25 Jahren Knasterfahrung zuckt noch nicht einmal, als er das hört. Wer Mist gemacht hat, muss dazu stehen, so geht das mit der Ganovenehre. Auch diesmal. Strafrichter Andreas Lyra honoriert das – nicht nur mit seinen Worten, sondern auch durch ein mildes Urteil.

Die Karriere hat ihm sichtbar zugesetzt, das Leben als drogen- und alkoholkranker Häftling hat Spuren hinterlassen. Das Kinn wölbt sich über den zahnlosen Kiefer einer aschfahlen Nase entgegen, die blassen Augen spielen Gleichgültigkeit vor. Doch hinter der maroden Fassade steckt offenbar ein wacher Geist. Der gelernte Werkzeugmacher sagt: „Es ist ja nicht so, als ob ich dumm wäre.“ In der Haft hat er das Abitur nachgemacht.

Immer wieder „Nachschlag“

Aber sein Bildungsgrad steht hier nicht zur Debatte. Vielmehr die Straftaten, die ihm Amtsanwalt Markus Desecar vorliest. Delikte, die während laufender Haftzeit nach und nach angeklagt und abgeurteilt werden. Bis Juni 2015 muss er eh noch sitzen, und immer wieder kommt noch ein „Nachschlag“.

Aber er fällt – einem Ermittlungsfehler der Polizei sei Dank – kleiner aus als zunächst befürchtet. Laut Anklage galt er als überführt, in der Nacht zum 19. September ‘13 in ein großes Autohaus an der Heerwiese eingebrochen, neun edle Neuwagen geknackt und die Navis daraus geklaut zu haben. Außerdem einen Satz Räder. Alles in allem ein Schaden von 44 000 Euro. Zum Richter sagt er: „Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben unschuldig.“ In der Ermittlungsakte steht: Am Tatort wurde seine DNA-Spur gefunden. Klare Sache also für die Fahnder.

Doch der Ganove, der immer alles zugibt, streitet diesmal ab. Und bleibt ein ehrlicher Kerl. Strafverteidiger Heiko Kölz bleibt hartnäckig. In Wahrheit, stellt sich heraus, haben Polizisten die DNA-Spur dem falschen Verfahren zugeordnet. Ins Visier gerät nun eine litauische Einbrecherbande.

Die Beteiligung des 57-Jährigen an einem Diebstahl im Wiedenhof ist dagegen noch fraglich. Aber nicht lange. Die Vorwürfe seien zutreffend, lässt er eilig über Kölz mitteilen. Und den Aufbruch eines VW Polo an der Brauckmannstraße gibt er ebenfalls unumwunden zu. Eine Handtasche hat er aus dem Wagen genommen. Aber welch eine Enttäuschung: Darin waren nur Schulbücher. Richter Lyra: „Haben Sie aus den Büchern was gelernt?“ Antwort, feixend: „Klar, ich wollte das 2. Staatsexamen machen.“

Strafverteidiger Kölz hält seinen Mandanten „wegen dessen fortgeschrittenen Alters“ für „besonders haftempfindlich“. Und ordnet die Tatmotive in dessen Drogensucht ein. Grund genug für Kölz, aber auch für den Vertreter der Staatsanwaltschaft und für den Richter, das Prinzip „Therapie statt Strafe“ gelten zu lassen.

Elf Monate, so lautet die Strafe für die Missetaten. Lyra, bedauernd: „Wenn Ihr Leben vor vielen Jahren anders gelaufen wäre, dann hätten Sie was aus sich gemacht.“ Der Verurteilte zuckt nur mit den Schultern. - von Olaf Moos

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