Anklage bricht in sich zusammen

Lüdenscheid - Ein Elektroniker aus der Kreisstadt soll einen Autoschrauber bedroht und erpresst haben. Doch die Beweislage ist dünn, der Angeklagte wird freigesprochen.

Es geht nur um einen schrottigen Fiat ohne Tüv-Plakette, 230 Euro. Und um die Frage, ob eine mündliche Kaufzusage schon so verbindlich ist wie ein richtiger Vertrag. 

Doch für einen Elektroniker (35) aus Lüdenscheid steht viel auf dem Spiel. Er ist wegen versuchter räuberischer Erpressung angeklagt, Mindeststrafe: ein Jahr Gefängnis. Ein „skurriler Fall“, wie Richter Thomas Kabus anmerkt. 

Juli 2017: Der 35-Jährige will seinen Fiat verkaufen. Ein Kumpel vermittelt ihm einen Schrauber, der auf die Marke spezialisiert ist. Der Kfz-Mechaniker inspiziert den Wagen auf einem Parkplatz, handelt den Preis runter und sagt zu – „aber ich wollte erst druntergucken“, sagt er. 

„Er hat verbindlich zugesagt“, behauptet dagegen der Angeklagte. Dessen Freunde bringen das Auto am nächsten Tag zur Werkstatt des Interessenten. Der macht eine Probefahrt und nimmt dann Schlüssel und Papiere entgegen. 

Einige Stunden später – der Elektroniker sitzt mit vier Freunden im Auto auf dem Weg nach Köln – meldet sich der Mechaniker telefonisch. Der Angeklagte erinnert sich: „Er sagte, ich soll die Scheißkarre abholen, er will sie doch nicht.“ 

„Das habe ich nicht gesagt, definitiv nicht!“

In der Anklageschrift steht der Satz: „Entweder du nimmst den Wagen oder ich komme mit dem Vorschlaghammer und haue dir den Schädel ein.“ Der Tatbestand der versuchten räuberischen Erpressung ist laut Staatsanwaltschaft damit erfüllt. 

Doch der 35-Jährige sagt: „Das habe ich nicht gesagt, definitiv nicht!“ Aussage steht gegen Aussage, das Schöffengericht ist auf Zeugenaussagen angewiesen. 

Der einzige Zeuge der Anklage ist der Fiat-Spezialist. Doch der vermutet nur, vom Angeklagten und keinem anderen bedroht worden zu sein. „Dafür kann ich meine Hand nicht ins Feuer legen.“ 

Die vier Beifahrer des Elektronikers, allesamt versierte Autoschrauber und von Strafverteidiger Michael Aßhauer als Zeugen benannt, sind allerdings sicher, dass sich ihr Freund nichts hat zu Schulden kommen lassen. Der Mechaniker habe den Fiat „auf jeden Fall“ haben wollen, sagt einer. Ein anderer sagt, dass der Tonfall am Telefon „etwas rauer“ gewesen sei. „Aber eine Bedrohung habe ich nicht vernommen.“ 

Die Anklage bricht in sich zusammen. Der Staatsanwalt beantragt einen Freispruch. Der kommt für den Angeklagten wie gerufen. 

Denn er steht, nach insgesamt 17 Vorstrafen, unter anderem wegen schweren Betruges in 59 Fällen, noch bis Juni 2020 unter Bewährung. 

Den Fiat hat er später anderweitig verkauft – für 300 Euro.

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